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Rezension: Belletristik : Kammerspiel im Randbezirk

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Clemens Eich kann im Salzburger Land auch gut melancholisch sein

          Das Steinerne Meer ist ein Hochplateau südlich des Königssees, über das die deutsch-österreichische Grenze verläuft. Am Ende des Romans von Clemens Eich entschließt sich der dreizehnjährige Valentin Hader, dorthin zu wandern. Er verläßt ein leeres Haus. Seine Eltern sind seit einer Italien-Reise verschollen, sein Großvater Michael Hader liegt auf der Totenbahre. Valentins Aufbruch vom Dorf Muna zum "Steinernen Meer" wird der Aufbruch von einer Einsamkeit in die andere sein.

          Leicht läßt sich der Ortsname Muna entschlüsseln. Er steht für die Gemeinde Großgmain im Salzburger Land, wo seit 1963 für gut zwei Jahrzehnte die Familie Ilse Aichingers und des 1972 gestorbenen Günter Eich zu Hause war. Die Landschaft der fiktiven Handlung ist dem Autor also aus Kindheit und Jugend vertraut. Der nach Schauspielerjahren jetzt als freier Schriftsteller in Hamburg lebende Clemens Eich beschreibt sie mit einer distanzierten Kühle, die, offenbar durch Erinnerung, allmählich aufgetaut wird.

          Schriftstellernde Söhne von Schriftstellern sind nicht zu beneiden; zumal, wenn beide Eltern zu literarischem Ruhm gekommen sind. Bei Clemens Eich vollzieht sich der Versuch, aus dem mächtigen Schatten herauszutreten, ohne schroffe Lossagungsgebärden und ohne Originalitätsgetue. Die unprätentiöse Art, "ich" zu sagen, nimmt den Leser für ihn ein. Eich scheint die Situation des Nachgeborenen in einer Melancholie des Verzichts verarbeitet zu haben. So entsteht eine erzählerische Empfänglichkeit für Menschen und Ich-Gefühle, denen der ungestüme Lebenswille abhanden gekommen ist. Schon in den Gedichten des Bandes "Aufstehn und Gehn" von 1980 taucht immer wieder das Motiv vom frühen Sterben auf. Manche Anspielungen im Roman deuten an, daß auch das "Aufstehn und Gehn" des Valentin Hader, die Wanderung zum Steinernen Meer, ein Weg ins frühe Sterben sein wird. Das Ende des Romans löst sich in einer lyrisch-elegischen Stimmung auf.

          Dennoch verharrt der Roman nicht in Unbestimmtheit. Die Gegenwartshandlung spielt im Winter 1963, unmittelbar vor der Olympiade in Innsbruck. Der Großvater wünscht sich den Jungen als künftigen Sieger im Abfahrtslauf, und an ebenjenem Tag seines Todes ist Valentins großer Favorit, sein Idol Karl Schranz, auf einem der hinteren Ränge gelandet. Geduldige Beobachtung und gestochene Beschreibung, wie sie in den Erzählungen von Eichs Band "Zwanzig nach drei" (1987) gerade unscheinbaren Menschen zuteil werden, bewähren sich auch hier.

          Zu einer Szene von besonderer Intensität steigert sich der Bericht über das Krampus- oder Perchtentreiben am fünften Dezember, dem Krampustag, an dem junge Männer, unter hölzernen Masken verborgen und mit Ketten und Stöcken bewaffnet, einer Volksbelustigung ein manchmal grausames Ende bereiten. So auch an jenem Tag, als die vom Dorflehrer oft schikanierte Ruppmoser-Christa auf dem Heimweg von zwei betrunkenen Burschen verfolgt, niedergeschlagen und mißhandelt wird. Da sie aus ihrer tödlichen Angst nie mehr zu normalem Bewußtsein zurückfindet, schließen sich hinter ihr die Tore der Landesnervenheilanstalt Salzburg.

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