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Rezension: Belletristik : Kammerspiel im Randbezirk

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Das Salzburger Land ist hier kein Ansichtskartenmotiv. Von der Häßlichkeit der besungenen Stadt und ihrer Bewohner ist einmal die Rede. Die Berge im Grenzland werden von einem wahnsinnigen Schützen, einem Deserteur der deutschen Bundeswehr, unsicher gemacht. Im Keller des Hauses in Muna liegt die Leiche einer vom Großvater im Affekt getöteten Frau. Wo sich die Vorstellungskraft manchmal "am Rande des Schlimmstmöglichen" bewegt, kann keine Idylle gedeihen. Und dennoch marschiert dieser Roman nicht mit im Troß des Antiheimatromans und der Gegenidyllen, der Konformität ihres in die Jahre gekommenen Nonkonformismus.

Im Mittelteil des Romans wird die "Geschichte des Großvaters" erzählt. Der Sohn eines k. u. k. Rechnungsoffiziers läßt sich nach dem Ersten Weltkrieg zum Lehrer ausbilden, tauscht den Stumpfsinn des Klassenzimmers gegen den eines eigenen Lebensmittelgeschäfts in Wien, läßt sich von einem Freund mit undurchsichtigen Beziehungen überreden, die Geschäftsführung einer maroden Salzburger Limonadenfabrik zu übernehmen, und sitzt am Ende seiner Odyssee als Grenzbeamter im Zollhäuschen von Muna. Im Hintergrund zeichnen sich die politische Situation der Ersten Republik Österreich, die Veränderungen nach dem "Anschluß" und die Verhältnisse der Zweiten Republik ab, aber mit der Künstlichkeit des Playback.

Denn erzählt wird von den Wahrnehmungen und Träumen der beiden Hauptfiguren her. "Ohne Abschied", der dritte Teil des Romans, der wieder an die Handlung des Jahres 1963 anknüpft, beginnt mit einem inneren Monolog des todkranken Michael Hader. Die Erinnerung an die letzten Tage, auch an den Mord, ist ausgelöscht - vielleicht verdrängt. Das Gedächtnis überhaupt setzt aus. In dem Maße, wie sich Hader aus seiner Biographie und aus der Welt verliert, entwickelt der Enkelsohn ein Bewußtsein seiner Lage: elternlos zu sein, verantwortlich für die Pflege eines Großvaters, der "an der Schwelle des Wahnsinns" steht. Er findet die Leiche, begräbt sie als letzten Dienst am Großvater und an der Toten, wobei der Gedanke an das kriminelle Delikt, den Gerichtsfall gar nicht aufkommt. Die Imperative der Gesellschaft gelten hier schon nicht mehr.

Immer deutlicher wird, daß die Grenze des Grenzorts Muna Bild und Zeichen für eine menschliche Situation, eine Grenzsituation ist. Clemens Eich hat eine ganz eigene Fähigkeit, gerade jene Momente zu zeigen, in denen sich Menschen auf der Schwelle zu einem anderen Leben oder am Rande des Lebens überhaupt befinden. Das geschieht ohne Pathos, ohne Beschönigung, aber auch ohne Dramatisierung. Die Landschaft, von der die Menschen umgeben sind, kann ein Ort der Zerstörung, sie kann aber auch von stiller Schönheit sein. In den Momenten größter Sammlung fällt der Erzähler kaum merklich in eine rhythmisierte, musikalische Sprache. Nicht auf die Menschheitstragödie oder die Schicksalssymphonie sind die erzählerischen Instrumente Clemens Eichs gestimmt, eher auf das Kammerspiel, die Kammermusik. WALTER HINCK

Clemens Eich: "Das Steinerne Meer". Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1995. 336 S., geb., 42,- DM.

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