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Rezension: Belletristik : Kammerjäger spielen Rabelais

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Ein bißchen glitschig, aber tief: Lawrence Norfolk wühlt in der Vergangenheit / Von Ingeborg Harms

          Wer Lawrence Norfolks neuen Roman genießen will, muß vom grotesken Leib fasziniert sein. Die Ausbuchtungen, Verzerrungen und Übertreibungen des grotesken Menschenbilds weisen, wie Michail Bachtin in seinem Rabelais-Buch ausführt, auf einen zweiten Leib hin, der in allem Sterblichen steckt. "Die wesentlichen Ereignisse im Leben des grotesken Leibs, sozusagen die Akte des Körper-Dramas, Essen, Trinken, Ausscheidungen . . ., Begattung, Schwangerschaft, Krankheiten, Tod, Zerfetzung, Zerteilung, Verschlingung durch einen anderen Leib - all das vollzieht sich an den Grenzen von Leib und Welt, an der Grenze des alten und des neuen Leibes. In all diesen Vorgängen des Körperdramas sind Lebensanfang und Lebensende untrennbar ineinander verflochten." Es ist dieser über die einzelne Form hinwegschwemmende Leib der Gattung, den Norfolk mit großer Prägnanz und Leidenschaft exponiert.

          Seine Figuren - man zögert, sie Helden zu nennen - sind Zeitgenossen von Rabelais. Norfolk verwickelt den korrupten Hofstaat Papst Leos X. in eine Geschichte mit zwei mittellosen Söldnern und einem Dutzend pommerscher Mönche. Doch während im "Gargantua" das gefräßige, lustvolle Leben auftrumpft, gehört bei Norfolk der Triumph dem Tod. Unwetter, Krieg, Lynchjustiz, Hunger, Seuchen, Plagen, Folter und Massenvernichtung beherrschen in fast orgiastischer Weise das Bild.

          Von Anfang an bewegt sich der Roman in kosmischen Dimensionen. Die Eiszeit und ihr langsames Zurückweichen werden gleichsam im Vogelflug als geologisches Superdrama geschildert. Aus den Metamorphosen dieser kalten Schöpfungsmythe tritt auf einer einsamen baltischen Landspitze das Dorf Usedom hervor, unter dem einst Vineta, die sagenhafte Kaufmannsstadt, im Meer versunken ist. Dieses Vineta bildet im Roman nicht den Gegenpol zum päpstlichen Rom, sondern eine frühere Station in einer Kette des Verfalls. Denn so wie die vornehme Heidensiedlung vom Erdboden verschwunden ist, wird auch die stolze Hauptstadt der Christen ihre Bedeutung auf der Landkarte verlieren.

          Es fällt dem Autor nicht leicht, den Blick von der globalen Vernichtung auf Einzelschicksale zu lenken. Der erste Teil des Romans bietet ein breughelsches Gewimmel bäurischer Gestalten, die in einer grenzenlosen Frostlandschaft hilflos mit den Elementen kämpfen. Der überwältigende Eindruck ist der beleidigter Mägen. Was in Norfolks Pommern so alles aus Not hinuntergeschlungen wird, spottet jeder Empathie. Die Bedürftigkeit läßt alle Figuren mehr oder weniger gleich erscheinen. Der scharfe Wind, die klamme Erde und eine so frühe wie abrupte Dämmerung hinterlassen tiefe Spuren in den verkrüppelten Seelen der Dörfler.

          Aus dieser mit den üppigsten Mitteln der Sprache geschilderten Verzweiflung schälen sich nur langsam Figuren heraus. Da ist Prior Jörg, ein Gelehrter mit einer Vision, der die in Ruinen hausende Brüderschar zum Bittgang nach Rom überreden kann. Seiner Zeit weit voraus, predigt er weltliche Wunder, während seine Schutzbefohlenen in allen Dingen nur Allegorien auf das Himmelreich erkennen.

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