https://www.faz.net/-gr3-6qbam

Rezension: Belletristik : Kamasutra der eifrigen Spione

  • Aktualisiert am

Manchmal etwas zu gelenkig: William Safires Thriller "Der Schläfer" / Von Burkhard Scherer

          Gewöhnlich hält man ja Microsoft-Boß Bill Gates für den reichsten Mann der Vereinigten Staaten, laut WilliamSafire sah das jedoch noch 1994 ganz anders aus: Der Dagobert Duck jener Tage hieß Alexander Berenski und war hundert Milliarden Dollar schwer.

          Das stand allerdings in keiner Zeitung, denn es war ein wohlgehütetes Geheimnis, von dessen Existenz aber ganz unterschiedliche Gruppen und Menschen etwas ahnten oder wußten, FBI und KGB, CIA und russische Auslandsaufklärung, die Organisation "Felix", ein Joint-venture mit Hauptsitz in Riga aus abgehalfterten KGB-Kräften, russischen Neokapitalisten, russischer Mafija (mit "j", um sie von einer Schwesterorganisation sizilianischen Ursprungs zu unterscheiden) und kaukasischen Finsterlingen. Und die lettische Journalistin Liana Krumins, zweiunddreißig, sowie Irving Fein, achtundvierzig, "wahrscheinlich der beste Reporter der Welt", denn keiner "besaß besser plazierte und verläßlichere Informanten".

          Einer dieser Informanten setzt Fein nun anonym auf die Fährte: In den Vereinigten Staaten gebe es einen russischen Agenten, einen sogenannten Schläfer, der seit über zwanzig Jahren das Leben eines wohlanständigen amerikanischen Bankiers führe, seit 1989 aber damit beschäftigt sei, ein Dreimilliardenvermögen, vom KGB kurz vor dem Zerfall der Sowjetunion ins Ausland verschoben, mit Agenteninformationen aus der deutschen Bundesbank und der amerikanischen Notenbank zu mehren. Die Summe reiche inzwischen dazu aus, den Reformprozeß zu torpedieren - wenn das Geld in die falschen Hände gerate, etwa die der "Felix"-Leute, die russischen Großmachtträumen nachhingen.

          "Die Zukunft der Erde hängt zu einem guten Teil davon ab, ob wir diesen Kerl aufspüren und ihn dazu bringen, daß er seine Scheine bei den richtigen Leuten abliefert", faßt Journalist Fein das Problem zusammen. Nikolai Dawydow, Direktor der fünften Abteilung des KGB, der sich inzwischen "Sicherheitsdienst" nennt, sieht es von russischer Warte ähnlich dramatisch: "Keine Frage ist so entscheidend für die nationale Sicherheit wie die Frage nach dem Schläfer."

          Die ist deshalb kompliziert, weil zwar dessen Geburtsname Berenski bekannt ist, seine heutige Identität aber nur drei KGB-Mitgliedern, und die kommen innerhalb kürzester Zeit ums Leben. Auf knapp sechshundert Seiten gibt Safire seinem buntgescheckten Personal Zeit, den ausgesprochen aufgeweckten Schläfer zu finden und ihn zur Geldherausgabe zu motivieren, ein Projekt, an dem unter anderem in Riga, Moskau, Washington, New York und Memphis gearbeitet wird. "Wer dieses Metier studiert, muß mit den verrücktesten Widersprüchen rechnen", doziert Topjournalist Fein vor der Fernsehmaus Viveca Farr, die als Ko-Autorin seines Buches auftauchen soll, weil ihr Gesicht vom Fernsehen bekannt ist, wo sie allabendlich die Kurznachrichten vorträgt.

          Und auf der langen Wegstrecke bis zum großen Showdown in einem dämmrigen Weinkeller in Riga ist nun nicht nur etwas über den Schläfer zu lernen, sondern auch über das Sozialleben in amerikanischen Massenmedien, Derivatgeschäfte an der Börse, neuzeitliche Abhörtechniken, die Potenz eines amerikanischen Bankiers und eines KGB-Direktors, Konkurrenz zwischen Inlands- und Auslandsaufklärung in den Vereinigten Staaten und Rußland, über Ethik ("Journalismus ist ein sauberes Geschäft, und Spionage ist ein dreckiges Geschäft." So Irving Fein, Journalist) und darüber, daß in Frankfurt ein Bundesbankdirektor lebt, der gleichzeitig Aufsichtsratsvorsitzender eines von "Felix" finanzierten und kontrollierten Großkonzerns "Unimedia" ist. Des Doppelverdieners Name, sehr deutsch: Karl von Schwebel. Dafür heißt die Gattin, sehr finnisch: Sirkka Numminen.

          "Der Schläfer" ist durchaus spannend konstruiert und anschaulich geschrieben, dabei aber so konventionell, daß man oft den Eindruck hat, einzelne Passagen schon aus anderem Zusammenhang zu kennen, zumal der Autor mit Hinweisen auf Forsyth und Le Carré hantiert. Das braucht einen aber nicht zu hindern, sich bis zur Auflösung aller Rätsel vorzuarbeiten, und da begegnet dann Liana Krumins ihrem leiblichen Vater und lernt, daß sie, die Kämpferin für lettische Unabhängigkeit, eigentlich reinrassige Russin ist, und besagter Vater sieht ihre Mutter wieder, was fatale Folgen hat. Für den Schläfer, immerhin unehelicher Sohn eines echten KGB-Chefs, ist das zwar unerfreulich, sonst aber endet alles gut: Viveca Farr strebt ein Juraexamen an, und der alte Mann bekommt seinen Hut wieder.

          Von diesem Erkenntnisstand aus ist allerdings sichtbar, daß auch der Autor sich im komplexen Bau seiner Romankonstruktion verheddert hat, mit einem KGB-Direktor, der, statt das seinen Wasserträgern zu überlassen, selbst und mit Popstar-Lederjacke im Ausland Aufklärungs- und Liebesdienste leistet, um dann vom Moskauer Flughafen mit dem Zubringerzug zurück in die Stadt zu fahren, mit einem Bundesbankdirektor, der seine ihn kompromittierenden Rapporte den "Felix"-Finsterlingen kopier- und versandfertig in blauen und roten Heftern vorlegt, und einem Schläfer, der zwar auf nichts so bedacht ist wie auf sein Inkognito, aber absichtlich die Aufmerksamkeit der journalistisch-geheimdienstlichen Hetzmeute auf sich zieht. Das alles sind höchst merkwürdige bis hanebüchene Vorgehensweisen, die auch im "Kamasutra der Spionage", das wohl viele merkwürdige Stellungen kennt, kaum vorkommen dürften.

          Von William Safire würde man sich sicherlich keine Beleidigungsklage zuziehen für die Vermutung, in Wahrheit sei wohl er "der beste Reporter der Welt". Er ist Kolumnist der "New York Times", außerdem intim bekannt mit einigen CIA-Größen, war einst auch Redenschreiber für Richard Nixon. Und Safire hat reklamiert, mit "Der Schläfer" das Genre des Spionagethrillers in die Zeit nach dem Kalten Krieg gerettet zu haben. Na ja.

          William Safire: "Der Schläfer". Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Chris Hirte. Verlag Volk und Welt, Berlin 1997. 585 S., geb., 48,- DM.

          Weitere Themen

          Freunde kennt er nicht

          Martin Amis wird siebzig : Freunde kennt er nicht

          Der britische Schriftsteller Martin Amis ist gnadenlos und ehrlich – gegen sich selbst und andere. Für seine Schärfe ist er berühmt, mit politicial correctness darf man ihm nicht kommen. Heute wird er siebzig.

          Eine Fiktion von Zensur

          Hypothetische Verbote : Eine Fiktion von Zensur

          Wir leben in einer Zeit kontrafaktischer Verbote. Was ist von dem Gemeinplatz zu halten, dieses oder jenes klassische Werk hätte heute nie und nimmer publiziert werden können?

          Topmeldungen

          G-7-Gipfel in Biarritz : Jetzt wird es ungemütlich

          Bislang hat Donald Trump auf dem G-7-Gipfel in Biarritz alles und jeden gelobt. Doch an diesem Sonntag stehen die weltweiten Handelskonflikte auf der Agenda. Die Stimmung dürfte frostiger werden – auch bei Angela Merkel.

          Bundesbankpräsident Weidmann : „Ich sehe keinen Grund zur Panik“

          Die Aussichten für die Konjunktur trüben sich ein. Bundesbankpräsident Weidmann hält einen Großeinsatz der Geldpolitik aber für falsch. Im Interview spricht er über den drohenden Abschwung, übertriebene Angst vor Inflation – und warum die Zinsen noch tiefer sinken können.
          Der Ort Tasiilaq in Grönland

          Reaktion auf Trumps Kauf-Idee : Wem gehört eigentlich Grönland?

          Das Eis schmilzt, darunter liegen Bodenschätze – und Trump würde Grönland gern kaufen. Was die Bewohner der Insel vom wachsenden Interesse an ihrer Heimat halten, erklärt eine grönländische Filmemacherin im Interview.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.