https://www.faz.net/-gr3-31ny

Rezension: Belletristik : Kaltes Herz

  • Aktualisiert am

W. G. Sebalds "Die Ringe des Saturn" / Von Patrick Bahners

          In der Geschichte der Insekten, die weit wundervoller ist als Ovids Metamorphosen, bemerkt Edward Gibbon in der einundsechzigsten Fußnote des vierzigsten Kapitels des "Niedergangs und Falls des Römischen Reiches", hat der Seidenwurm einen besonderen Platz. Vergil hatte berichtet, die Seidenwolle werde von den Bäumen der Chinesen gekämmt. Dieser Irrtum erscheint dem Historiker weniger erstaunlich als die Wahrheit, daß nämlich eine Raupe die Fäden aus sich herausspinnt, die sich von den Blättern des Maulbeerbaums nährt. Das fleißige Insekt ist für den Freund von Adam Smith "the first artificer of the luxury of nations". Der artificer ist zugleich Handwerker und Künstler. Die Zivilisation ist ein kostbares Gewebe, dem man die Mühen der Herstellung nicht ansieht. Der Luxus, der die Reiche stürzt, hat sie erhoben; Fortschritt und Verfall sind eins. Der Stoff der Historiographie ist das Material der Verkleidung. Auch Herrschaft ist Artifice, das Handwerk, das künstliche Machtverhältnisse natürlich aussehen läßt. Der Historiker verstellt sich ebenfalls, lernt die Kunst des Arrangierens von Augustus. Die Objektivität ist eine Lebenslehre der Kälte. Der Faden der Kultur kann reißen.

          Der Seidenwurm hat auch einen besonderen Platz in der Geschichte, die W. G. Sebald in seinem Buch "Die Ringe des Saturn" erzählt. Von einem Bericht über eine Wanderung, die der Verfasser im August 1992 durch die gottverlassenen Gegenden der Grafschaft Suffolk unternommen hat, wird kein Leser die Wunder der Metamorphosen erwarten. Und doch kommt die Rede auf Wucherungen, Mißgeburten und Prodigien. Der Erzähler schweift ab; ein Exkurs gebiert den nächsten. Die Menschen, denen der Wanderer begegnet, verwandeln sich in mythologische Gestalten. Aus Dingen werden Zeichen. Sie verweisen zunächst aufeinander und zuletzt auf etwas Abwesendes, von dem nur in der kunstvollen Verhüllung indirektester Rede gesprochen werden kann. Einer der Fäden in diesem Gewebe ist das Seidenmotiv.

          Sohn eines Seidenhändlers war Sir Thomas Browne, der 1605 geborene und 1682 verstorbene Gelehrte, Kuriositätensammler und Menschenfreund. Er praktizierte als Arzt in Norwich, der Hauptstadt von Suffolk, an deren Universität Sebald deutsche Literatur lehrt. Simplicius Simplicissimus begegnet im Wald dem Baldanders, der in einem Prozeß des Fressens und Gefressenwerdens seine Gestalt ändert und auch die eines Maulbeerbaums und eines Seidenteppichs annimmt. Ein purpurfarbenes Fetzchen Seide, notiert Browne in seiner Abhandlung über das Urnenbegräbnis, war der Asche des Patroklus beigegeben; für den Christen symbolisiert es die Verheißung des Paradieses. Paradiesvögel sangen auf den Seidentapeten von Somerleyton, dem Palast im italienischen Stil, den sich Sir Morton Peto baute. Die Kaiserinwitwe Tz'u-hsi lauschte gerne den Seidenwürmern, wenn sie das Maulbeerlaub zernagten. Die Art, wie der alte Algernon Swinburne eine Portion Rindfleisch vertilgte, erinnerte einen Besucher an die aschgraue Seidenraupe. Das Schloß der Ashburys, einer Familie von anglo-irischem Adel, ist ein Totenhaus. Einmal dachten sie daran, in den leeren Räumen Seidenraupen zu züchten. Sir Thomas Browne hinterließ unter dem Titel des verschlossenen Museums oder der verborgenen Bibliothek den Katalog eines Schatzhauses der Absonderlichkeiten. In ihm ist das als Wanderstab dienende Bambusrohr verzeichnet, mit dem, wie auch bei Gibbon zu lesen ist, zwei Mönche die Eier des Seidenwurms aus China an den Hof des Kaisers Justinian schmuggelten. So begann die Geschichte der Seidenzucht im Westen. Die hugenottischen Meisterweber von Norwich waren die kultiviertesten Unternehmer des Königreiches, und die Reichsfachgruppe Seidenbauer e. V. arbeitete im Sinne der Rede Adolf Hitlers auf dem Reichsparteitag 1936 für die Autarkie.

          Weitere Themen

          Literarische Triebabfuhr

          Roman von Corinna T. Sievers : Literarische Triebabfuhr

          Corinna T. Sievers hat einen Roman über eine nymphomane Zahnärztin geschrieben. „Vor der Flut“ soll provozieren, schlingert aber nur zwischen Geschmacklosigkeit und unfreiwilliger Komik durch die Feuchtgebiete der Genreliteratur.

          Topmeldungen

          Transfer-Offensive : Borussia Dortmund hat ein großes Problem

          Der BVB beeindruckt mit seinen starken Neuzugängen. Doch die Offensive auf dem Transfermarkt hat auch ihre Schattenseiten. Der Kader ist nun viel zu üppig besetzt. Auf der Streichliste stehen prominente Namen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.