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Rezension: Belletristik : Kaffeehaus des Schreckens

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Als Wien emigrierte: Soma Morgensterns "Flucht in Frankreich"

          4 Min.

          Als der Schriftsteller Soma Morgenstern im Jahr 1976 im New Yorker Exil starb, verschied unbeachtet einer der letzten Zeugen der Wiener Moderne, ein enger Freund Alban Bergs und Joseph Roths, ein naher Bekannter von Otto Klemperer und Jascha Horenstein, von Hanns Eisler und Anton Webern, von Elias Canetti, Hermann Broch und Robert Musil. Es war dann auch der Robert Musil-Herausgeber Adolf Frisé, der als nahezu einziger des Toten gedachte. Frisé hatte, einem Hinweis in Musils Tagebüchern folgend, Morgenstern im Jahr 1973 in New York besucht, um sich Aufschluß über Musil zu holen. Und dabei hatte er einen Mann entdeckt, der selbst, wie Frisé schrieb, "Fragen aufwarf, die Interesse, die Neugier provozierten".

          Salomo Morgenstern wurde 1890 in einem ostgalizischen Dorf bei Tarnopol geboren. Die orthodox-jüdische Familie sprach Jiddisch und die Umgangssprachen der Gegend, Polnisch und Ukrainisch. Deutsch kam hinzu, weil der Vater, ein Kaufmann und Gutsverwalter, diese Sprache liebte und immer wieder mahnte: "Wenn du Deutsch nicht kannst, bist du kein gebildeter Mensch." Dennoch mußte Morgenstern den Besuch des Gymnasiums und der Universität gegen den starken Widerstand des tiefgläubigen Vaters durchsetzen.

          In Wien begann Morgenstern 1912 sein Jurastudium, das er nach seinem Kriegsdienst als Leutnant bei der k. u. k. Infanterie erst 1921 mit einer beruflich nie genutzten Promotion abschloß. Schon lange hatte Morgenstern in Künstlerkreisen verkehrt. Roth und Berg waren seine liebsten Freunde, und zu Berg gehörten die fünf "Hausgötter", Peter Altenberg, Gustav Mahler, Arnold Schönberg, Adolf Loos und Karl Kraus. Doch erst nach dem Studium gab Morgenstern seinen eigenen literarischen Neigungen nach. Er nannte sich Soma, schrieb Theaterstücke und siedelte Mitte der zwanziger Jahre als Kritiker nach Berlin. Seine Rezensionen trugen ihm Ende 1927 eine Stelle bei der Frankfurter Zeitung ein, als deren Kulturkorrespondent er 1928 ins geliebte Wien zurückkehrte.

          Morgensterns Interesse am Journalismus erlosch, als er 1930 mit der Arbeit an einer Romantrilogie begann, deren ungewöhnliches Thema die Wiederentdeckung des Landlebens und des jüdischen Glaubens durch einen assimilierten Wiener Juden war. Der erste Band der Trilogie, "Der Sohn des verlorenen Sohnes", erschien durch Vermittlung Stefan Zweigs 1935 im Verlag Erich Reiss in Berlin. Einhundert Seiten hatte Morgenstern an Musil geschickt, der kommentierte: "Wenn Sie jetzt sterben, gehören diese hundert Seiten schon zur Weltliteratur." Frisé war skeptisch, als er dies in New York hörte; zu Hause aber fand er im Nachlaß Musils den Ansatz zu einer positiven Rezension, der mit dem Satz endete: "(D)ieser Roman (zeigt) nach der episch-gegenständlichen Darstellung auch den sicheren Witz, die abkürzende Formulierung und die beobachtende Vorurteilslosigkeit eines geistvollen und dem Geiste dienenden neuen Dichters."

          In der Tat fand der Roman, obgleich er in Nazi-Deutschland nur an Juden verkauft werden durfte, starke Resonanz und wurde, wie der Morgenstern-Herausgeber Ingolf Schulte schrieb, "als ein herausragendes Zeugnis einer neuen Blüte jüdischer Belletristik gewertet". Die Blüte war indes nur von kürzester Dauer. Goebbels liquidierte den Verlag; Morgenstern verlor seine Stelle bei der Frankfurter Zeitung, floh im März 1938 nach Paris und trieb dort den Abschluß der Trilogie voran. Als "feindlicher Ausländer" wurde Morgenstern im September 1939 verhaftet, im Dezember freigelassen, im Mai 1940 erneut verhaftet und im Juni in das Lager bei Audierne (Bretagne) deportiert. Von dort gelang Morgenstern noch im gleichen Monat die Flucht nach Marseille, wo er sieben Monate lebte und die verlorenen Manuskripte zu rekonstruieren versuchte. Über Casablanca und Lissabon erreichte Morgenstern im Frühjahr des Jahres 1941 endlich New York.

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