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Rezension: Belletristik : Judith Hermann: Sommerhaus, später

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Von Judith Hermanns Geschichten geht eine ganz eigenartige Stimmung aus. Sie scheinen aus der Zeit gefallen, nirgendwo hinzuwollen, ruhig beginnen sie, ruhig enden sie wieder, und dazwischen geschieht etwas, oft gar nichts Großes, ein Armband zerreißt, eine junge Frau taucht auf und verschwindet wieder, ...

          Von Judith Hermanns Geschichten geht eine ganz eigenartige Stimmung aus. Sie scheinen aus der Zeit gefallen, nirgendwo hinzuwollen, ruhig beginnen sie, ruhig enden sie wieder, und dazwischen geschieht etwas, oft gar nichts Großes, ein Armband zerreißt, eine junge Frau taucht auf und verschwindet wieder, doch nichts wird danach noch sein, wie es begann, mit dem Armband zerreißen auch die Fesseln der Vergangenheit, mit der Frau verschwindet eine große Sehnsucht.

          Judith Hermann erzählt, als habe man sie darum bitten müssen, als sei sie eigentlich müde, zu erschöpft. Kein Wort zuviel, ganz einfache Sätze. Eine Ruhe liegt über ihren Geschichten, manchmal scheinen sie fast stillzustehen, doch es ist eine angespannte Ruhe - wie an einem heißen, schwülen Tag im Sommer, kurz bevor ein Gewitter losbricht. Auch ihre Charaktere wirken sonderbar schlafwandlerisch. Selbst wenn sie ausgehen und tanzen, flirten oder Drogen nehmen - passiv, fast träge scheinen sie durch ihre Leben zu gleiten, Dinge als gegeben hinzunehmen, nichts groß in Frage zu stellen. Sie beobachten sich selbst, stellen Reaktionen, Gefühle fest, scheinen sich diese aber nicht erklären zu können.

          "Sommerhaus, später", Hermanns erstes und bisher einziges Buch, ein Erzählband, der neun Kurzgeschichten umfaßt, hat bei seinem Erscheinen enormes Aufsehen erregt und wird bis heute mit Preisen bedacht: Eine junge Frau, eine gänzlich unbekannte Frau, schreibt, als wäre sie eine alte, als wäre sie einmal herum um die Welt, hätte alles gesehen, alles verstanden und nun eine Gelassenheit, die an Weisheit grenzt. Ihre Figuren verbringen viel Zeit mit Nichtstun, als hätten sie erkannt, daß ein Auflehnen gegen das Schicksal nichts nützt. Ein junger Mann liegt den ganzen Tag auf seinem Bett wie ein toter Fisch. Ein anderer verbringt Stunden damit, in seinem Zimmer nackt auf dem Fußboden zu liegen und an die Decke zu starren: "Ich war nicht unruhig, nicht gereizt, ich war müde und in einem seltsamen Zustand der Emotionslosigkeit." Eine alte Frau, die bald sterben wird: "Sie hat geschlafen und dann wieder wachgelegen, es mag sein, daß es da keinen Unterschied mehr gab."

          Die Kurzgeschichte, die dem Buch seinen Titel gibt, ist aus Sicht einer jungen Frau erzählt, die Jahre zuvor eine kurze Affäre mit einem mittellosen Taxifahrer hatte. Ein Haus auf dem Land war immer der Traum gewesen, das Ziel, später einmal. Eines Tages taucht der Taxifahrer wieder auf, sagt, er habe es gefunden, er wolle es ihr zeigen. Was, fragt sie, für die das alles Vergangenheit ist. Das Haus, sagt er, und die beiden fahren los. Das Haus, das Sommerhaus - es ist eine Ruine. Kaputte Fenster, Risse in den Mauern, Türen, die fehlen. Die Frau lebt ihr Großstadt-Leben weiter, als wäre nichts geschehen, und es ist ja auch nichts geschehen. Eines Tages erreicht sie ein Brief von ihm, darin ein Zeitungsartikel: Das Haus sei abgebrannt, der neue Bewohner vermißt, Brandstiftung nicht ausgeschlossen. Sie legt den Brief in eine Schublade und denkt nur ein Wort: "Später." Kein großes Drama, kein Spannungsbogen - es ist das Nicht-Gesagte, das dieser Geschichte ihre dichte Atmosphäre gibt.

          Zu einer Neuausgabe eines Buchs von Raymond Carver hat Hermann ein Vorwort geschrieben. "Carvers Geschichten stehen nicht auf Seite der Geschichten und nicht auf Seite der Sprache", heißt es da. "Sie zielen nicht auf das Sicht- und Nennbare, sondern auf das Undurchsichtige, Unaussprechliche, auf das, was geradezu resistent gegen das Lösungsmittel der Worte ist." Sie hat ihre eigene Kunst damit beschrieben. Es ist das Wissen um die Kraft der Auslassung, die Macht des Unbewußten, das Judith Hermann zu einer großen Erzählerin macht.

          ador

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