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Rezension: Belletristik : Jedermann in Hollywood

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Sehr allegorisch: Brian Moores Roman "Strandgeburtstag"

          2 Min.

          Selten wurde ein Romanheld von mehr Geistern heimgesucht als Fergus Fadden in Brian Moores Roman "Strandgeburtstag". Der erfolglose Romancier, ein Nordire, der wie Moore ein kalifornisches Strandhaus bewohnt, muß ein Drehbuch für einen teuflischen Produzenten schreiben. Damit keinem Leser entgeht, wie höllisch Hollywood ist, legt der Autor seinem Helden Sätze in den Mund wie "Sie machen mir ganz schön die Hölle heiß".

          Überdies steht der geplagte Held kurz vor der Scheidung, seine Freundin kommt ihm zu jung vor, er steckt in der midlife crisis, und nun kommen die Geister. Zuerst hockt nur Faddens verstorbener Vater stumm auf dem Sofa, aber dann erscheinen in rascher Folge seine Mutter, Geschwister, Tanten, alte Freunde und sogar eine jüngere Version von ihm selbst. Diese Schemen, die wie die Akteure einer wirren Türen-Komödie auftauchen und verschwinden, machen ihm Vorhaltungen: Er gehe nicht in die Kirche. Scheidung sei unchristlich. Und die Freundin sei viel zu jung.

          Da sich nun außer den nicht ohne Ironie geschilderten Geistererscheinungen lange Zeit nichts mehr tut, beginnt der Leser auf Details zu achten, und so kommt er auf die Farben. Fadden, der sich selbst wie ein Geist fühlt und dessen Zähne bereits locker im Kiefer sitzen, scheint zu verblassen. Die Geister tragen dagegen farbige Kleidung: Sein Vater einen schokoladenbraunen Anzug und einen grünrot gestreiften Schlips, die Mutter ein buntes, geblümtes Kleid, seine Schwester ein marineblaues Kleid. Auch die wirkliche Welt tritt dem farblosen Fadden auffällig grell entgegen. Fast penetrant wird auf den orangefarbenen Sessel hingewiesen, und auch die grünen Overalls der Fernsehtechniker bleiben nicht unerwähnt.

          Verbirgt sich in Faddens Name nicht das englische "to fade" (verblassen)? Swedenborg behauptete, der Tote merke es nicht, wenn er gestorben sei, sondern lebe weiter, als sei nichts geschehen. Doch seine Freunde und Bekannte sind verkleidete Engel und Teufel, die ihn in Himmel oder Hölle locken wollen. Mit fröhlich kolorierten Zaunpfählen winkend, steuert Moore auf Swedenborg zu, doch dann verschwinden die Farbspiele, alle Geister treffen sich, halten sehr lange und ergebnislos Gericht, zählen die bekannten Vorwürfe auf, und der Leser hält einen moralischen Roman in Händen, ein christliches Mysterienspiel über einen nordirischen Jedermann, den es ins sündige Amerika verschlagen hat.

          Nach einem Geisterpicknick am Strand plaudert Faddens verstorbener Vater schließlich die wahre Absicht des Autors aus: "Wenn du keinen Lebenssinn gefunden hast, dann ist dein Leben bedeutungslos." Die Enttäuschung bei der Lektüre verwandelt sich in mitleidigen Ärger.

          Das Ganze hätte eine schöne kleine Erzählung werden können, denn Moore kann erzählen, glaubhaft Figuren schildern und durchaus Spannung erzeugen. Aber er mißtraut seiner Geschichte und verwandelt sie in eine durchsichtige Allegorie auf verdrängte Erinnerung. Vielleicht zögerte der Diogenes Verlag deshalb so lange, ehe er den bereits 1970 erschienenen und von Bernhard Robben flüssig übersetzten Roman "Fergus" unter dem unpassenden Titel "Strandgeburtstag" in deutscher Sprache vorlegte. CHRISTOPHER ECKER

          Brian Moore: "Strandgeburtstag". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Bernhard Robben. Diogenes Verlag, Zürich 1996. 256 S., geb., 36,- DM.

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