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Rezension: Belletristik : Jahrestage rückwärts

  • Aktualisiert am

Uwe Johnsons tabellarisches Erzählen / Von Stephan Speicher

          Für den Herbst 1984 - im Jahr zuvor war nach langem qualvollem Stocken der vierte und letzte Band der "Jahrestage" erschienen - kündigte der Suhrkamp Verlag ein neues Buch von Uwe Johnson an: "Eine Familiengeschichte vom Oktober 1888 bis zu jenem Winter 1978 . . . Anfangs ist es eine Spurensuche, die eine Gesine Cresspahl beschreibt nach der Kindheit ihres Vaters im vorigen Jahrhundert . . . Mit wem immer ein Junge aus dem Dreikaiserjahr zu tun bekommt in seinem Leben und über den Tod hinaus, sie alle sollen hier versammelt sein, in ländlicher Gegend an der Müritz, in einer südlichen Vorstadt von London wie dereinst in New York, mit dem zuverlässigen Heimweh nach Mecklenburg . . . Ob es am Ende bleibt bei der Enkelin Marie, den beiden letzten Augen Cresspahls, hier wäre es zu erfahren." Eine Fortsetzung der "Jahrestage" also wurde damals in Aussicht gestellt. Im Material erweitert, sollte sie in beide Zeitrichtungen erweitert werden.

          Dazu kam es nicht mehr. Johnson, der Ende 1983 diesen Vorschautext selbst verfaßt hatte, starb im Februar 1984. Sein Vorhaben blieb Fragment, das Norbert Mecklenburg nun aus dem Nachlaß herausgegeben hat: "Heute Neunzig Jahr". Der geplante Untertitel "Die Geschichte der Familie Cresspahl" ist gestrichen, es fehlte ihm auch die Deckung durch das Werk. Denn die zeitliche Erweiterung des Stoffs ist allein rückwärts ausgeführt als eine Geschichte Heinrich Cresspahls von seiner Geburt an. Die Jahrestage hingegen gehen ja ausgiebig nur bis auf die erste Begegnung zwischen Cresspahl und Lisbeth zurück, und frühere Begebenheiten werden bloß splitterhaft erwähnt. Die Fortführung über den August 1968 hinaus hatte der Autor sich vergeblich vorgenommen. Sein Fragment endet im Jahr 1946, gerade daß Jacob, der spätere Geliebte Gesines und Vater ihrer Tochter, noch einen Auftritt hat.

          Johnson selbst nannte sein Verfahren in diesem Nebenwerk "tabellarisch", irritierenderweise. Denn natürlich ist es kein Prinzip graphisch hergestellter Übersichtlichkeit. Man spricht wohl besser von einer annalistischen Methode. In chronologisch ziemlich strenger Folge wird ein Leben in seinen verschiedenen sozialen Milieus und historischen Bedingtheiten berichtet. Das Bedingende, das Allgemeine überwiegt, das Bedingte, Individuelle, Fiktive tritt dagegen zurück. Doch wird der Berichtscharakter in seiner möglichen Festigkeit durch Einreden der Erzählerin, der Tochter Gesine, fortwährend in Frage gestellt. Da sind Lücken, Mutmaßungen, Extrapolationen: "Da ich bei ihm meine Meinung über das Verhalten Liebknechts unterstellte, habe ich seine versäumt." Da sind Wünsche: "Daß er in Amsterdam bedrucktes Papier aus Abfallkörben gegriffen hätte wie die Armen New Yorks, ich verweigere es." Und vor allem ist da die beständige Kritik geläufiger Bilder, vor allem wie die Schulen der SBZ/DDR es lieferten. Auffallend stark wird etwa die Zusammenarbeit von NSDAP und KPD respektive des Hitlerschen Reiches mit der Sowjetunion betont.

          Gleichwohl folgt "Heute Neunzig Jahr" einem einfachen Erzählprinzip. Einfach ist das Prinzip zumindest gegenüber den "Jahrestagen", auf die das neue Buch zu beziehen ist. Am markantesten ist das Fehlen der New Yorker Ebene und der Gespräche Gesines mit ihrer Tochter Marie, mit denen das große Werk die Erinnerung an Jerichow, Mecklenburg und Deutschland erst in Gang setzte. Es fehlt daher auch der Krieg in Vietnam, und damit ein tragendes Moment des Johnsonschen Verfahrens.

          Denn die "Jahrestage" setzten nicht General Westmoreland mit Himmler gleich, auch wenn manche Leser es so lesen wollten. Vielmehr sollte eine Welt gegen eine andere gehalten werden, um unter abweichenden Bedingungen zu prüfen, wie Menschen ihre Integrität wahren oder verlieren in Situationen, die sie nicht erzeugt haben, zu denen sie sich aber gleichwohl verhalten müssen. In der Variation der Bedingungen, denen der Erzähler das Personal unterwirft, liegt dabei ein eigentümliches Bemühen um Gerechtigkeit, gewonnen aus Genauigkeit und Umsicht.

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