https://www.faz.net/-gr3-2d6b

Rezension: Belletristik : Irrfahrt durch Sankt Peterswürg

  • Aktualisiert am

Im Labor der geistigen Alchimie: Dunkle Lyrik von Jelena Schwarz

          Russland wimmelte schon immer von Poeten. Das große Durcheinander nach dem Untergang des Luftschiffs "Sowjetunion" hat sie nicht stumm gemacht. Im neuen Poetenzirkus aber gibt es ungezählte Kleinstflöhe und Eintagsfliegen. Einer der Namen, die bleiben werden, gehört Jelena Schwarz. Die 1948 in Leningrad geborene Dichterin zirkulierte vor der Perestrojka nur im Samisdat. Im Westen war sie schon mit ihrem ersten, 1985 in New York erschienenen Gedichtband "Der tanzende David" unter Kennern sofort eine Offenbarung. Ein kühnes lyrisches Talent, eigenwillig und verschroben, schamlos zuweilen, wie es sich für große Lyrik gehört.

          Ihre Gedichte sind Sammlungen persönlicher Mythen und Metamorphosen. "Keinem bleibt seine Gestalt": Als sei Ovid ihr Schutzpatron, schreibt sie fort an ihrem Buch der Wandlungen. Unter dem Titel "Das Blumentier" legt Alexander Nitzberg in seiner Buchreihe "Chamäleon" eine kleine Auswahl aus dem Werk dieser visionären Lyrikerin vor. Das Bändchen umfasst Zyklen wie etwa das eindrückliche "Evangelium der Lüfte", blendet aber einen wesentlichen Teil von Jelena Schwarz' Schaffen aus, nämlich ihre längeren Poeme wie "Die Werke und Tage der Nonne Lawinia vom Orden der Herzbeschneidung" (1987), ein kurioses Poem, das ein multikulturelles Kloster halluziniert. Doch auch diese kleine Auswahl aus den lyrischen Gedichten ist zu begrüßen. Ein Einwand gegen die Übersetzung ist dennoch angebracht. Wenn Nitzberg in angestrengter Reimerei zu altertümelnden Formen wie "bitterlich" und "inniglich" greift (auch die Form "ward" und Wörter wie "Grimm" liest man im 21. Jahrhundert mit Kopfschütteln), verfehlt er das Original um mehrere stilistische Stockwerke. Fürs Poesiealbum verniedlicht möchte man Jelena Schwarz in keiner Zeile sehen.

          Neben Mythen und Metamorphosen beschwört sie immer wieder ihre Heimatstadt Petersburg, doch hört sie auch "Asche" (russisch: pepel) und "Schlinge" (petlja) aus deren Namen heraus. Ein Chinese in seiner Opiumhöhle, dem das "r" nicht über die Lippen kommt, hat die Stadtnamen verballhornt: Pepelburg, Petelburg, was Nitzberg amüsant mit "Stadt Verwehtersburg" und "Sankt Peterswürg" übersetzt. Die Lyrik der Jelena Schwarz hat etwas Narkotisches, Psychedelisches. Die Dichterin präsentiert sich als Mischerin seltsamer Drogen, ein "ganz schimmerndes, zitterndes Mohnblumenfeld" tut sich in ihrem Inneren auf. Mehrere Gedichte träumen von Marterpfahl und Harakiri, doch die Auferstehung im Wort gewährt sich Jelena Schwarz ebenso großzügig.

          Archaische Rituale klingen in ihren Gedichten an. Zwischen dem Befremdlichen und Abstrusen schwebt eine merkwürdige Schönheit. Einmal schrieb sie selber von ihrer "geistigen Alchimie". Den sanften, beiläufigen Tabubruch vollzieht sie gerne. In einem Gedicht mit dem Titel "In Erinnerung an eine merkwürdige Spezialität" kostet das lyrische Ich bei einer Freundin Muttermilch: "Und sie presste aus der linken / Brust mir eine Tasse voll, / und die Milch begann zu singen, / schäumte schwerelos und quoll." Eine eigenwillige Religiosität spricht aus ihren Gedichten, sie scheut sich nicht, biblische Bilder aufzugreifen und ins Persönliche zu wenden. Der ungestüme "Tanzende David" huldigt dem "Gott der Mutigen": "Oh Adonai, gewähr's / so still ich Deinen Schmerz. / Das stachelige Blut, die lachenden Gebeine, / auf, schleudert mich empor, zum Thron des Einen."

          In einer "Historischen Schatulle" zappelt mit Iwan dem Schrecklichen ein ganzes spielzeughaftes Russland: "Sie piepsen: Wo ist denn Russland? Seht, / Haben wir es nicht selbst gesät? / Wir fielen ins Dunkel, damit es wächst." Väterlicherseits tatarischer, mütterlicherseits jüdischer Abstammung, definiert sich Jelena Schwarz als Ort der Kreuzung verschiedenster Mythen. Auch ihr Petersburg ist eine Stadt mit fremden Einsprengseln, der Ort ihrer Kindheit - ein pseudoägyptischer Tempel. In einer autobiographischen Notiz schrieb sie einmal: "Wo ich zur Schule ging, ist nicht so wichtig wie die Tatsache, dass ich vierzehn Jahre lang im Ägyptischen Haus an der Kaljajew-Straße gewohnt habe. Kennen Sie dieses Haus? Dort stehen riesige Pharaonen an der Eingangstür, und über der Toreinfahrt sieht man Horus als Falken; in dem Hof war ich zu Hause, es war das Haus der Ostindischen Gesellschaft . . ."

          Wenn das keine Behausung ist, in der die Fantasie blühen durfte! Eine ihrer Hymnen gilt der Müllhalde: "Wie soll ich preisen dich, o wunderschöne Halde! / Wenn du mit deinem Wuschelkopf so ganz zerstückelt ruhst im Abendhauch. / Ein schwarzes Katervieh mit weißer Weste krallte / als Pianist sich fest in deinem schweren Bauch." In der Verwesung aber wird alles Seiende vereint und gewärmt, die Müllhalde wird als "rosa mystica" apostrophiert. Jelena Schwarz ist eine irre Mystikerin voll vom Müll der Mythen, voller abgetragener, energisch aufgefrischter Bilder.

          RALPH DUTLI

          Jelena Schwarz: "Das Blumentier". Gedichte. Aus dem Russischen übersetzt von Alexander Nitzberg. Grupello Verlag, Düsseldorf 1999. 80 S., br., 24,80 DM.

          Weitere Themen

          Kultur willkommen

          Meineckes Amerika-Bild : Kultur willkommen

          Zur Dreihundertjahrfeier der Harvard Universität reiste der Historiker Friedrich Meinecke 1936 nach Amerika. Ein Reisebericht aus dem Privatarchiv hält das ungewöhnliche Aufeinandertreffen zweier Kulturen fest.

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Der Rest ist Schweigen

          „Polizeiruf 110“ aus München : Der Rest ist Schweigen

          Matthias Brandt tritt zum letzten Mal als Kommissar Hanns von Meuffels auf. Er sprach schon vor zwei Jahren davon, die Rolle zu beenden. Sein Abgang ist einer mit Würde und Melancholie.

          Topmeldungen

          Schwangerschaftsabbrüche : Die alten Gräben

          In der Debatte über das Werbeverbot für Abtreibungen wird viel Falsches behauptet. Auf beiden Seiten des ideologischen Grabens. Dabei darf man auch den größten Missstand nicht aus dem Auge verlieren. Ein Kommentar.
          Bald geht es für die Briten durch einen anderen Durchgang bei der Passkontrolle.

          Reisewarnung wegen Brexit : Warnt May die Briten vor Europareisen?

          Der Brexit steht vor der Tür und ob es einen Deal gibt, ist immer noch unklar. Angeblich plant die britische Regierung darum eine Reisewarnung für Europa. Die Regierung dementiert. Doch die Unruhe wächst.

          FAZ Plus Artikel: Bodenspekulationen in Berlin : Die verspekulierte Stadt

          In Berlin sollte eine Modellstadt entstehen – das Projekt scheitert. Reiche Familien aus China, Geldwäscher aus Italien und Investoren aus Amerika machen Geld mit Berliner Boden. Die Beteiligten sind frustriert – auch über die deutsche Politik.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.