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Rezension: Belletristik : Insel mit Schönheitsfehlern

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Auf den ersten Blick scheint der Roman "Inishowen Blues" des 1963 geborenen Iren Joseph O'Connor in mancher Hinsicht vor allem Lesererwartungen zu bestätigen: Ja, viele Nordamerikaner, jüngere wie ältere, führen eine derart entfremdete Alltagsexistenz als reizüberflutete, abgestumpfte Nervenbündel, ...

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          Auf den ersten Blick scheint der Roman "Inishowen Blues" des 1963 geborenen Iren Joseph O'Connor in mancher Hinsicht vor allem Lesererwartungen zu bestätigen: Ja, viele Nordamerikaner, jüngere wie ältere, führen eine derart entfremdete Alltagsexistenz als reizüberflutete, abgestumpfte Nervenbündel, daß sie einem leid tun können; jawohl, die Iren im Süden wie im Norden der Grünen Insel leben mit (und zum Teil auch recht passabel von) einer vertrackten, historisch bedingten kollektiven Gefühlslage, die sie zu unergründlichen europäischen Exoten macht.

          Wer sich mit ihnen näher einläßt - und sei es nur, um Ahnenforschung zu betreiben -, gerät alsbald in die Versuchung, sie über den Weg zu einem gedeihlichen Zusammenleben belehren zu wollen, was ihnen dann alles andere als recht ist. Oder man nimmt Irland und die Iren von vornherein nicht ernst und betrachtet sie aus abwehrender Distanz: "All diese Düsternis, dieses Beckettsche Nichts, die entsetzliche Bedienung in den talgstinkenden Restaurants, die verblüffenden Zahnprobleme der Einheimischen, ihre schwerfällige Art zu sprechen, ihre rundheraus krankhafte Fixierung auf den Tod und längst Vergangenes, die monotone Traurigkeit ihrer endlosen Lieder. (. . .) Gab es noch ein anderes Land, das so bewehrt und so durch und durch und rettungslos kriegerisch war?"

          Der so sinniert, ist Schönheitschirurg mit Praxis in New York; sein Name lautet Dr. Milton Longfellow Amery, weil ein Familientick seinen Vorfahren befahl, Kinder nach berühmten Dichtern zu benennen. Seine Ehefrau Ellen, Ende der vierziger Jahre unehelich in Irland geboren (als so etwas dort noch als schwerstmögliche Schande galt) und nach Amerika zur Adoption freigegeben, wird von Amery mit einer jungen Dame betrogen, die in etwa so alt ist wie seine Tochter, eine Yale-Studentin im Anfangsjahr, und der er ein Schmuckstück im Wert von fünfzehntausend Dollar zu Weihnachten schenken will.

          Da die Gespielin das Geschenk nicht annehmen mag - aus Angst vor ihren Eltern, wie sie vorgibt; aber in Wirklichkeit, weil sie unangenehme Fragen ihres Verlobten befürchtet -, gibt Amery später praktischerweise vor, er habe die Brillanten von vornherein als Präsent für seine Ehefrau erworben. Über den Kaufpreis tröstet er sich wie folgt hinweg: "Er sollte nicht Milton Longfellow Amery heißen, wenn er nicht eine klimakterische Gesellschaftslöwin unters Messer bekäme, der er eine fünfzehntausend Dollar schwere Zellulitis aus dem Glutaeus maximus kratzen konnte."

          Kein Wunder, sollte man meinen, daß einem solchen Zyniker eine sensible, moralisch empfindende Ehefrau einfach davonläuft. Ellen Amery, eine Schullehrerin mit dem Mädchennamen Donnelly, hat schon seit ungefähr zehn Jahren versucht, nähere Auskunft über die Umstände ihrer Geburt und die Identität ihrer Mutter einzuholen. In New York hat sie sich zusammen mit Gutmenschen, die von ihrem Mann verabscheut werden, an allerlei weltverbesserischen Aktivitäten beteiligt und zuletzt immer öfter Irland besucht.

          Dort, in Dublin, entspinnt sich der zunächst andere Handlungsstrang der Geschichte. Auch dessen Träger, der Polizist Martin Aitken, führt die Initiale M. A. im Namen. Seine Ex-Frau Valerie, mit der er eine "selbstzerstörerische Ehe" führte, hat sich längst "bekloppten New-Age-Freunden" zugewandt und waltet als "Medium". Seit seiner Degradierung wegen eines im Dienst begangenen Tötungsdelikts und seiner Scheidung - beides verknüpft mit dem Umstand, daß sein neunjähriger Sohn bei einem möglicherweise vorsätzlich herbeigeführten Verkehrsunfall ums Leben kam - scheint Aitken langsam auf die schiefe Bahn zu geraten und zu verwahrlosen. In seiner Bleibe entdeckt er am Weihnachtsmorgen, dem ersten von ein paar Urlaubstagen, eine "rostfarbene Pilzkolonie, die rings um das Sofabein aus dem Teppich" sprießt.

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