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Rezension: Belletristik : Insel begabter Kinder

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George Turner blickt in australische Reagenzgläser

          4 Min.

          Ein Prophet gilt nirgendwo weniger als in seinem Vaterland. Der australische Schriftsteller George Turner ist den Deutschen zur Zeit leichter zugänglich als den Bewohnern seiner Heimatstadt Melbourne, wo er, beinahe achtzig Jahre alt, lebt. Die Bibliotheken dort führen kaum etwas von ihm und die Buchhandlungen gar nichts. Aber ist er, der Verfasser einer Anzahl von Science-fiction-Romanen, deshalb auch schon ein Prophet?

          Begonnen hatte Turner in den späten fünfziger Jahren mit Romanen über Krieg und Nachkriegszeit - Bücher, die wenig Aufsehen erregten, obwohl sie ihm 1962 einen angesehenen Preis eintrugen. Von Erfolg ist er nie verwöhnt worden, und bis in sein siebentes Lebensjahrzehnt hat er die verschiedensten Berufe gehabt: Büroangestellter oder, zuletzt, Brauereiarbeiter. 1978 begann er dann mit Science-fiction, einer kleinen, kaum beachteten Subkultur, in den Schatten gestellt von dem historischen und geographischen Realismus eines seine Identität in der Literatur suchenden Kontinents, also von den spezifisch australischen Romanen Patrick Whites, David Maloufs, Peter Careys oder Tim Wintons.

          Zwei von Turners besten Büchern haben nun die deutschen Leser erreicht. "Sommer im Treibhaus" (1991) erzählt vom neuen Melbourne nach der Klimakatastrophe in der zweiten Hälfte des kommenden Jahrhunderts. Und jetzt liegt die Geschichte eines "Menschenprojekts" vor, die fünfzig Jahre zuvor in der gleichen Stadt spielt. "Brain Child" heißt das Buch im Original; von einer Art Kopfgeburt also ist die Rede.

          Turner erhebt nicht Anspruch auf den Rang eines Propheten, aber er meint es ernst mit der Zukunft. Als Kritiker, Essayist und in seiner grundaufrichtigen kleinen Autobiographie "In the Heart or in the Head" (1984) hat er oft auf das eigene Schreiben reflektiert und auf die Science-fiction-Literatur allgemein. Der Titel verweist auf die Konflikte seines jüngsten Buches: Es geht um Herz oder Kopf - nur daß das nicht als Alternative zu verstehen ist. Überhaupt habe der Schriftsteller, so meint Turner, nicht Probleme zu lösen, sondern sie zu zeigen und derart die Welt auf Veränderung und Wandel vorzubereiten. Deshalb wurzeln seine Bücher denn auch in den Problemen der jüngsten Gegenwart.

          Seit den siebziger Jahren sind in einem Melbourner medizinischen Forschungszentrum Techniken für künstliche Befruchtung, für die Zeugung von kleinen Homunkuli also, entwickelt worden, die internationale Beachtung gefunden haben und unter anderem dazu führten, daß der australische Bundesstaat Victoria, dessen Hauptstadt Melbourne ist, 1984 die weltweit ersten Gesetze zur Regelung der Konsequenzen solcher Experimente erließ. Aber der Streit von Gesetzgebern und Forschern über die Grenzen zwischen Ethik und Experiment, Herz oder Kopf, dauert an. Aus diesen Tatsachen läßt Turner seinen Roman vom "Menschenprojekt" hervorwachsen.

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