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Rezension: Belletristik : Insel begabter Kinder

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Im Jahr 2002 nämlich hat der Staat Victoria die Züchtung einer Anzahl von genmanipulierten Retortenkindern veranlaßt, aus denen drei Gruppen von jeweils zwei Geschwisterpaaren hervorgegangen sind: vier Wissenschaftler, vier Künstler und vier "Genies". Eigenschaften und Intelligenz der letzteren entziehen sich allerdings dem konventionellen menschlichen Verständnis und, nebenbei gesagt, auch der literarischen Beschreibung. Zwanzig Jahre später jedenfalls begehen sie Selbstmord. Aber sie hinterlassen ein "Vermächtnis", von dem niemand weiß, wie es aussieht und wo es sich verbirgt. Es zu suchen, wird im Jahr 2047 der junge Journalist David Chance auf den Weg geschickt, der illegitime Sohn eines der geklonten Wissenschaftler mit einer "normalen" Mutter. Rückblickend irgendwann aus den fünfziger Jahren des 21. Jahrhunderts, erzählt David dann die Geschichte seiner Suche.

Gleich vier Zeitebenen in einem Roman so zu verfugen, daß nicht Kakophonie entsteht, sondern Harmonie, in der dennoch das einzelne hörbar bleibt, ist keine kleine Leistung. Überhaupt ist Turner ein erfahrener Techniker der Erzählkunst, läßt Charaktere entstehen, die Fülle und Farbe haben, und verwaltet seinen Stoff mit beträchtlicher Ökonomie. Nur einen etwas sorgfältigeren Übersetzer hätte man ihm gewünscht.

Was den Stoff angeht, so ist offensichtlich, daß es Turner nicht in erster Linie um politisch-soziale Zukunft zu tun ist. Sein Melbourne unterscheidet sich in dieser Hinsicht nicht prinzipiell von dem der Gegenwart, nur daß Arbeitslosigkeit und staatliche Überwachung zugenommen haben mit Bildschirmen und Wanzen allüberall. Der Geheimdienst ist zwar mächtig, aber nicht allmächtig, und sein Chef wie seine Mitarbeiter zeigen schon im Amt gelegentlich eine Jovialität, die sie in der Wirklichkeit des zwanzigsten Jahrhunderts erst nach ihrer Entmachtung an den Tag zu legen pflegen. Da ist dem Australier glücklicherweise die Erfahrung totalitärer Gesellschaften erspart geblieben.

Das biogenetische Experiment jedoch endet als Fehlschlag. Mit einem Dutzend künstlich hochgezüchteter Individuen kann die Realität der gewöhnlichen Menschen ebensowenig etwas anfangen wie sie mit ihr. So werden sie zum Spielball korrupter Politiker, während sie selbst mit den Menschen zu spielen glauben. Das Vermächtnis der "Genies" ist am Ende der Wunsch nach einer Insel im Ozean, auf der sie eine neue Welt gründen wollen, eine "sterile Illusion", die die Menschheit eher in die Irre führen würde als in ein neues Paradies.

Was Turner zur Diskussion stellt, ist deshalb letztlich die Frage nach dem Wert wissenschaftlichen Suchens und Entdeckens. "Nicht alles Neue bedeutet Fortschritt", heißt es gegen Ende des Romans, und nicht weit davon steht die Erkenntnis, daß man "bei einer Manipulation der genetischen Faktoren, die die Intelligenz bestimmen", wohl eher Wesen produziert, die "weder in ihre Zeit noch in die Welt passen" und deren Armut an Emotionen sie zu einer Gefahr für die anderen macht. Turner ist zu sehr Erzähler, als daß er dergleichen thesenhaft abhandelte; sein Buch erzählt eine spannende, komplexe Geschichte, auch wenn die Resultate am Ende nicht überraschen. Aber ein Prophet will er ja ohnehin nicht sein. GERHARD SCHULZ

George Turner: "Das Menschenprojekt". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Michael Koseler. Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 1996. 503 Seiten, geb., 48,- DM.

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