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Rezension: Belletristik : Ingo Schulze: Simple Storys

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Die Deutschen sind anders. Sie warten nicht auf den Frühling, die Sonne oder das Glück, nein, sie warten auf Bücher: auf Den Großen Gegenwartsroman etwa oder auf Den Wenderoman. Und wenn sie ihn endlich haben, dann wundern sie sich nicht mal mehr, daß der Mann, der ihn gebracht hat, aussieht wie ein Sozialkundelehrer ...

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          Die Deutschen sind anders. Sie warten nicht auf den Frühling, die Sonne oder das Glück, nein, sie warten auf Bücher: auf Den Großen Gegenwartsroman etwa oder auf Den Wenderoman. Und wenn sie ihn endlich haben, dann wundern sie sich nicht mal mehr, daß der Mann, der ihn gebracht hat, aussieht wie ein Sozialkundelehrer mit einem Frisurproblem.

          Die Deutschen haben, mit anderen Worten, Ingo Schulzes "Simple Storys" gar nicht verdient - diesen sanften Mann mit seiner schaufenstergroßen Brille, der sein Prosa-Personal freundlich lächelnd über die Kante rutschen läßt. Mit den Menschen der DDR ist es dabei ein bißchen wie mit dem Dachs, der wie ein Untoter durch einige der 29 zu einem Roman verschachtelten Geschichten wandert: Erst werden sie überfahren, und wenn man zurückkommt, um nachzuschauen, ist nichts mehr da. Es sind Menschen mit Vergangenheit, und wenn Ingo Schulze beschreibt, wie diese Menschen sich durch das Vakuum einer neuen Zeit bewegen, dann wird daraus meisterlich präzise Millimeterprosa.

          Schulze erzählt von Schuld und Verstrickung, er untersucht das Gift der Lüge und der Feigheit und wie es in den Menschen entsteht, und seine Geschichten sind moralisch: nicht weil sie Antworten wissen, sondern weil sie voller Empathie sind - die Ambivalenz ist das Terrain dieser Prosa. In Momenten ist dieser "Roman aus der ostdeutschen Provinz", wie es im Untertitel heißt, von albtraumhafter Traurigkeit: wenn etwa gleich zu Beginn ein Spitzelopfer namens Zeus im verschneiten Perugia an der Fassade der Kathedrale emporklettert, und unten steht der "rote Meurer", der ihn jahrelang schikaniert hat; oder ganz am Ende, wenn Meurers Sohn und seine Kollegin in Taucherkostümen durch die verregnete Innenstadt von Altenburg watscheln, um für die "Nordsee"-Filiale Werbung zu machen - da hebt Schulze die Realität ein Stück an und läßt sie schweben. Daß dieser Trick gelingt, weil Schulze so genau kennt, wovon er berichtet, das ist der große Erfolg dieses Buches.

          Schreiben ist Handwerk, die Quelle die Beobachtung, der Ton geliehen und gerade darum so eigen. Selten war deutsche Literatur so kunstvoll kunstlos wie in diesen Verlustgeschichten ohne jede Larmoyanz. Das Schwierigste ist dabei das Einfachste: zu zeigen, wie sich die Lebenstaumler jeder für sich selbst die Luft zum Atmen abschnüren. Schulze hat ein genaues Gespür für die brutale Psychologie dieser Gesellschaft, für das Kräftemessen zwischen Männern und Frauen, für das Ringen mit den Lebenslügen: Da stirbt deine Frau bei einem Fahrradunfall, und du sagst: Ich habe mir gewünscht, daß Andrea stirbt, und dann ist es passiert. "Ich starrte in meine Tasse und war fassungslos, wie ich etwas Derartiges von mir geben konnte, noch dazu ihm gegenüber, der uns verlassen hatte und glaubte, für jede Gelegenheit die passende Karte zu besitzen. Sie stürzen sich selbst in den Verkehr, der ihnen entgegenkommt."

          gdi

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