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Rezension: Belletristik : In Symbolgewittern

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Amerikaner in Paris, ratlos: Richard Fords Novelle "Abendländer"

          Angelsächsische Liebhaber der Prosa Richard Fords haben es besser. Unter dem Titel "Women with men" bietet ihnen der Buchmarkt eine Ausgabe an, in der die Novellen "Der Frauenheld", "Eifersüchtig" sowie die soeben auf deutsch erschienenen "Abendländer" gebündelt enthalten sind. Daß diese drei Prosastücken aus zwei europäischen Seitenflügeln und einem amerikanischen Mittelstück ein Triptychon bilden, bleibt deutschsprachigen Lesern vorenthalten. Damit entgeht ihnen die Chance, die Novellentrilogie zur geballten Erfahrungsprobe auf das Exempel zu machen, daß Richard Ford in der zeitgenössischen amerikanischen Prosa als singulärer Fall dasteht. Es dürfte wohl kaum einen zweiten Schriftsteller von Rang geben, dessen Literatur sich derart umstandslos als - gänzlich unideologische - Männerliteratur bezeichnen ließe. Mit Frank Bascombe - der Hauptfigur der beiden Romane "Der Sportreporter" und "Unabhängigkeitstag" - gelang es Ford, so etwas wie den männlichen Prototypus der individualisierten, unter Sinnleere und an ihren gescheiterten Ehen leidenden Generation zu schaffen.

          Die hinterlistige Idee, die Liebe zwischen Mann und Frau ausgerechnet in Paris, der Hauptstadt der Liebe, als Desaster zu exekutieren, hat Ford jetzt zum zweiten Mal in Folge angewandt. Wie schon sein "Frauenheld" Martin Austin aus Chicago, darf nun auch der siebenunddreißigjährige Charley Matthews aus Ohio, der seinen Job als Collegelehrer aufgegeben hat, in Paris "auf der Suche nach einem neuen Leben" seinen apokalyptischen rite de passage absolvieren. Desillusionierung und Demontage fallen dieses Mal allerdings wesentlich krasser aus.

          Mit seiner um acht Jahre älteren Freundin Helen ist Charley ins vorweihnachtliche Paris gereist, um mit dem Lektor eines französischen Verlages die Übersetzung seines in den Vereinigten Staaten ziemlich erfolglosen Romans in die Wege zu leiten. Das Treffen kommt jedoch nicht zustande, der Lektor verabschiedet sich in die Weihnachtsferien, und auch die Übersetzerin ist verreist. Der eigentliche Zweck für Matthews Reise ist damit zwar hinfällig, aber Helen besteht darauf, zu bleiben und die Stadt zu erkunden. Damit ist die Bühne frei für ein an Hoffnungslosigkeit kaum zu überbietendes psychologisches Kammerspiel, das Ford großenteils aus der Perspektive Charleys schildert. Nur physisch präsent, geht der äußerlich gleichmütige, jungenhafte Mann ganz im Gram um seine Frau auf, die sich von ihm getrennt hat.

          Helen gegenüber beläßt er es bei floskelhaften Liebesbekundungen, insgeheim überlegt er, wie er sich ohne viel Aufhebens von ihr trennen kann. Über diese Selbsttäuschungen will die kinderlose, dreimal geschiedene, aktive Helen, die versucht, von einer Krebskrankheit zu genesen, nicht länger hinwegsehen. Am Ende nimmt sie sich in der Überzeugung, daß ihr sowenig zu helfen ist wie Matthew und sie sich nie geliebt haben, mit einer Überdosis Tabletten das Leben.

          Die Klippe trivialer Melodramatik, die solch ein Stoff birgt, umschifft Fords Novelle mit viel Glück. Geschickt hält sie den Realitätsgehalt der subjektiven Befindlichkeiten der beiden Protagonisten in der Schwebe und schafft dadurch eine trügerische, stark suggestive Atmosphäre. Zudem überzeugt sie durch Fords mal ironischen, mal sarkastischen Blick. Ein Höhepunkt sind die Passagen, in denen Charley und Helen die klapperdürre "Schmusi" und den fetten "Rex" auf dem Eiffelturm, später im amerikanischen Moderestaurant "Clancy's" treffen. Wie Ford den miesepetrigen Intellektuellen Matthews mit diesen leibhaftigen Karikaturen in Paris lebender, Frankreich und die Franzosen jedoch verabscheuender Amerikaner zusammenbringt, ist reines Lesevergnügen.

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