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Rezension: Belletristik : In feuchter Klarheit tiefen Auges

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Das ist ja abartig: Die schottische Welt von Alan Warner

          Schottland ist weit weg, aber kein bißchen heiler als andere Länder. Irvine Welshs in Edinburgh spielender Stricher- und Drogenroman "Trainspotting" hat mit etwaigen Illusionen über den seen- und bergreichen Norden der englischen Insel gründlich aufgeräumt. Alan Warner schlägt in dieselbe Kerbe. Im Nachwort zu seinem dritten Buch, "Die Soprane", bedankt er sich bei seinem Kollegen für erwiesene Freundlichkeit und revanchiert sich, indem er Bezirke ausleuchtet, die von Welsh vernachlässigt wurden.

          Warners Roman über einen katholischen Mädchenchor konzentriert sich auf die schottische Provinz, die weibliche Pubertät und das altmodische Rauschmittel Alkohol. An einem Wintermorgen steigen die Schülerinnen des "Our Lady of Perpetual Succour" in einen Bus, um bei einem Wettsingen in der Hauptstadt aufzutreten. Ihr Coach ist die ältliche Schwester Condron, die sie unter sich nur "Schwester Kondom" nennen. Der Ton ist angeschlagen, die Mädchen nehmen kein Blatt vor den Mund. Traut man ihren Reden, so sind sie in allen Sexualpraktiken versiert und ein Ausbund an Schamlosigkeit. Ein schlechtes Abschneiden beim Wettbewerb gilt unter ihnen als Ehrensache, denn nur die Verlierer kehren am selben Abend heim. Dort warten die Disco "Mantrap" und ein vielversprechendes U-Boot, das eben in den Hafen eingelaufen ist. Die Mädchen haben den Ehrgeiz, ihren städtischen Freigang restlos auszukosten und trotzdem rechtzeitig für den Landurlaub der Matrosen und die Engtanznummern in der Disco wieder dazusein. Ein stolzes Programm, das ihnen zu Kopf steigt.

          Schon während der Busfahrt werden zum Strip-Poker selbstgebraute Cocktails in Saftflaschen herumgereicht. Kaum angekommen, zieht sich der harte Kern der Bande zu einer Rauchpause ins Herrenklosett zurück und überredet dort zwei von den Schuluniformen entzückte amerikanische Touristen, ihre Liter-Cola-Flaschen an der Bar mit Southern Comfort aufzufüllen.

          Nach einer unerquicklichen Gesangsprobe strömt der Chor aus, um zu shoppen und die Pub-Szene zu testen. Mit religiösem Eifer wird auf der McDonald's-Toilette das Outfit gewechselt, "ein Ritual, das sie mit größerer Andacht vollzogen als das Zusichnehmen irgendeiner transsubstanziierten Hostie; denn die textile Metamorphose würde eine so prompte Verwandlung nach sich ziehen, wie es Christi Leib und Blut nie vermochten". Von nun an sind die Röcke so kurz, daß das Herabbeugen bis an den Warenschacht der Zigarettenautomaten zum Staatsakt wird. Der Stadtbummel der Mädchenhorde schließt ein Bordell, eine Junggesellenwohnung, mehrere Polizeiwachen und die Krankenhaus-Notstation ein. Die Chormitglieder erleiden Alkoholvergiftungen, werden bestohlen, stehlen selbst, verirren sich in einem Fixer-Ghetto und gabeln eine Reihe schräger Männertypen auf. Zu sexuellen Abenteuern hingegen kommt es bemerkenswerterweise nicht. Die Schülerinnen teilen instinktiv die Weisheit ihres Erzählers, daß das "junge Leben vorüber" sein würde, sobald man sich auf die Sache selbst, die unablässig durch die Köpfe spukt, wirklich einließe.

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