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Rezension: Belletristik : In der Küche ist es kalt

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Wo das Wort so umworben und bezweifelt wird, ist der Glaube nicht fern, in diesem Fall ein barocker Ton von Beichte und Bekenntnis. Manchmal versucht der Dichter es noch ein letztes Mal mit Psychologie und Analyse. "Ich klebe an gott", heißt es da, und das Gedicht schließt mit der Selbstbezichtigung, er sei feige und unfähig, "willentlich unterzutauchen ins unausweichliche". Aber dann kommandiert die Poesie. Liedstrophe und Reim, die alten Ausdrucksformen von Frömmigkeit, setzen sich gegen die Selbstverhärtung durch. Vielleicht das anrührendste unter den "Letzten Gedichten" trägt den Titel "katholisches gedicht". Gewiß, es ist eine Melange von Ironie und Verzweiflung, doch es lebt von Hoffnung wider alle Hoffnung. Auch der frech-fromme Schluß: "ich scheiß auf die sonne und hätte / so gern einen strahlenden sohn / eh ich in die erde mich rette / zu gott, muttergottes, gott sohn".

Dagegen kommt Jandls persönliche letzte Botschaft sehr diskret daher, als "widmungsgedicht", gerichtet an die Gefährtin seines Lebens und Schreibens. In einfachen Zeilen hält er fest, daß er vom Tod des Vaters und vom Tod der Mutter geschrieben hat, und schließt - um die Trias zu vollenden: "du / schreibst dann / daß ich / tot bin".

Friederike Mayröckers "Requiem" ist die Erfüllung dieses Wunsches oder Auftrages. Der erste dieser sechs Texte ist wenige Wochen nach Jandls Tod, im Juli 2000, geschrieben. Er ist ein Zeugnis von Trauer und Erschütterung, und berührt den Leser durch seine zarte Empirie. Die Autorin fixiert das Bild des Dichters auf Krankenlager, der die im Oberlichtfenster erscheinenden Flugzeuge zählt, und zeigt ihn auf dem Totenbett, "1 Zähnchen, in die Oberlippe eingebissen".

Aber der Leser soll auch den lebenden Jandl im Gedächtnis behalten, und so lesen wir eine Szene aus dem Winter 88, aus der unbeheizbaren Nordküche von Jandls Wohnung. Beim Suchen nach Manuskripten zieht die Freundin und Kollegin diesen Vierzeiler hervor: "In der Küche ist es kalt / ist jetzt strenger winter halt / mütterchen steht nicht am herd / und mich fröstelt wie ein pferd".

Im Juni 2000, drei Tage vor Jandls Tod, schreibt Mayröcker dazu diese Kontrafaktur: "in der Küche stehn wir beide / rühren in dem leeren Topf / schauen aus dem Fenster beide / haben 2 Gedicht im Kopf". Dieses eine Gedicht, und die lebenslange Suche danach, ist nicht das einzige, das Ernst Jandl und Friederike Mayröcker verband. Das sie immer noch verbindet.

HARALD HARTUNG

Ernst Jandl: "Letzte Gedichte". Herausgegeben von Klaus Siblewski. Luchterhand Literaturverlag, München 2001. 124 S., br., 18,50 DM.

Friederike Mayröcker: "Requiem für Ernst Jandl". Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2001. 46 S., br., 24,- DM.

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