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Rezension: Belletristik : Immer nach Osten geblickt

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Gedämpft: Gertrud Kolmars Briefe aus der Zwischenwelt

          Die leisen Töne, wenige Autoren haben sie durchdringender angeschlagen als Gertrud Kolmar. Noch in der privaten Korrespondenz spricht sie gedämpft; behutsam, so als befürchte sie, den Partner zu belasten, erzählt die Lyrikerin von sich. Zurückgenommen sind die Ängste, gleichsam nebenher drängt sich der Schrecken zwischen die Zeilen. Ohne daß sie ein Wort über die drohende Deportation verlieren müßte, spürt man noch heute die beklemmend unheimliche Gefahr, wenn sie der Schwester 1940 wehmütig von Rilkes "Briefen aus Muzot" schreibt, die sie gern zum Geburtstag bekäme, die sie sich aber nicht mehr zu wünschen wagt, weil sie bereits "mit der Möglichkeit rechnet", sich "über kurz oder lang von fast allen Büchern trennen zu müssen".

          So selbstverständlich, wie sie sich als Schriftstellerin nach dem Geburtsort ihrer jüdischen Vorfahren nannte, hat sich Gertrud Chodziesner später einem Schicksal ergeben, das sie "im voraus bejahte", damit es sie "nicht erdrücke". Ihre Briefe sind, so die Verlagsankündigung, ein "document humain jüdischen Lebens unter nationalsozialistischer Terrorherrschaft". Wer es liest, gerät mit der Schreibenden in das Grauen der Zeit, langsam über die Jahre hin. Ersten unscheinbaren Anzeichen der Ausgrenzung folgen die Reichskristallnacht, der erzwungene Verkauf des geliebten Hauses in Finkenkrug und der Umzug in die Berliner Innenstadt. Hier kommt es schon bald zu Einquartierungen, die Gertrud Kolmar als derart bedrängend erlebt, daß sie schließlich froh ist, ihre Tage als Zwangsarbeiterin in der Fabrik verbringen zu können.

          Noch in der Ausweglosigkeit sucht sie sich einzurichten. Selbst das Ende, der Transport nach Auschwitz, wo sie 1943 verschollen ist, meint man, müsse ihr vor Augen gestanden haben. Wiederholt hat sie die Gefahr in den Briefen anklingen lassen, die sie der Schwester ins Schweizer Exil nachsandte, erschreckend gefaßt, wenn es um ihr bedrohtes Dasein ging, sichtlich irritiert, sobald es galt, die eigene Ausreise zu erwägen. Davon wollte sie nichts wissen, und das nicht nur, weil sie dem greisen Vater zur Seite stehen mußte. "Ich habe nun einmal", erklärte sie 1939, "das Antlitz nach Osten gekehrt." Wie ein Irrweg erschien ihr die Flucht in den Westen, die aufklärerische Widerständigkeit gegen das verfügte Los. Lieber suchte sie Trost in der Ergebung, "immer tiefer in das Bleibende, das Seiende, das Ewigkeitsgeschehen zurückgezogen". Freiheit versprach die "Zwischenwelt"; mit der Anlehnung an das Vergangene ertrug die Seßhafte ihre Gegenwart. In der Not erlebte sie emotionale Bestätigung, jetzt konnte sie sich sogar verlieben, erlöst von den Hemmungen der "früheren Jahrzehnte", in denen sie zurückgeschreckt war vor der Ungezwungenheit der anderen.

          Mit den Briefen, die von diesem letzten Glück berichten, rückt Gertrud Kolmar unter die großen Briefschreiber dieses Jahrhunderts. Wie ein literarisches Werk liest sich der erhaltene Rest ihrer Korrespondenz, der jetzt erstmals vollständig veröffentlicht werden konnte. Ein schmales Buch, das in leisen Tönen von einer Zeit erzählt, über die die Autorin gleich zu Anfang sagt, daß man in ihr Romane "erleben" müsse, "mit denen die geschriebenen sich nicht vergleichen lassen . . .". THOMAS RIETZSCHEL

          Gertrud Kolmar: "Briefe". Herausgegeben von Johanna Woltmann. Wallstein Verlag, Göttingen 1997. 248 Seiten, geb., 48,- DM.

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