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Rezension: Belletristik : Immer diese Stimmen im Kopf

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Das Motiv hat in der französischen Literatur eine lange Tradition: Ein junger Mann flieht aus der stickigen Enge der Provinz in die Hauptstadt Paris, wo er alles zu finden glaubt, wovon er bislang geträumt hat. Paris verheißt Erlösung von allen Zwängen und Bindungen - zuletzt auch von sich selbst. Daß auch ...

          Das Motiv hat in der französischen Literatur eine lange Tradition: Ein junger Mann flieht aus der stickigen Enge der Provinz in die Hauptstadt Paris, wo er alles zu finden glaubt, wovon er bislang geträumt hat. Paris verheißt Erlösung von allen Zwängen und Bindungen - zuletzt auch von sich selbst. Daß auch Paris kein Allheilmittel ist, merken die Romanfiguren meist erst, wenn es schon zu spät ist.

          So ergeht es auch dem jungen Luc in Laurent Mauvigniers Debüt. Er ist nach Paris geflohen, weil er sein Elternhaus nicht mehr ertragen konnte. Jetzt arbeitet er in einer Bar, bewohnt ein schäbiges Zimmer und ist so allein, wie ein Mensch nur sein kann. Nichts von dem, was er sich erträumt hat, geht in Erfüllung. Statt Menschen zu finden, mit denen er reden kann, hört er nur Stimmen in seinem Kopf, die ihn verrückt machen. Am 31. Mai 1995 nimmt Luc sich das Leben. Von diesem Tag her und auf diesen Tag hin erzählt Mauvignier seine Geschichte. Er erzählt sie nicht gradlinig und fächert sie auf, verteilt sie auf mehrere Stimmen, die sich wie in einem Musikstück aufeinander zubewegen, sich verschränken, einander antworten und wieder voneinander lösen: ein Geflecht innerer Monologe, das sich zum komplexen und widersprüchlichen Bild einer Familie fügt.

          Da sind sechs Menschen, die sich nahestehen und doch nicht miteinander reden können. Erst mit Lucs Tod platzt das Ungesagte auf wie ein Abszeß, und nun reden sie und reden, noch immer nicht miteinander, sondern aneinander vorbei, wortlos, sprachlos nach außen wie eh und je. Erst für den Leser ergibt sich mit der Zeit aus den inneren Monologen so etwas wie ein vielstimmiges Gespräch, das die Familienmitglieder verbindet wie mit unsichtbaren Fäden.

          Mauvignier gelingen in diesem Konzert der Stimmen Momente von großer Trauer, leiser Zärtlichkeit und abgrundtiefer Melancholie. Doch es bleiben flüchtige Passagen. Dazwischen macht sich über weite Strecken banale Alltäglichkeit, ödes Einerlei breit. Die Geschichte kreist um die immergleichen Episoden und Motive und kommt nicht vom Fleck. Es gibt keinen Blick, der über die Grenzen des familiären Zirkels hinausgeht. Da ist keine Landschaft, kein Himmel über ihr, kein Ort, der sich mit Leben füllt. Die Stimmen fließen dahin in der eigenwilligen Syntax der gesprochenen Rede und einer Interpunktion, die dem Fluß der Gedanken und nicht den Regeln des Duden folgt. Das erzeugt zwar eine Atmosphäre, so öde, so aussichtslos, so dumpf, wie der jugendliche Protagonist sie empfunden haben mag. Doch auf den Leser wirkt sie in ihrer repetitiven Eintönigkeit mit der Zeit nur einfach ermüdend.

          In Frankreich, heißt es, sei das Buch ein großer Erfolg gewesen, der Autor mit Preisen überschüttet worden. Ähnlich wie Houellebecq scheint auch Mauvignier mit seinem Erstling einen Nerv der französischen Gesellschaft getroffen und einem Gefühl sprachloser Vereinzelung Ausdruck verliehen zu haben. Im Gegensatz zu seinem berühmteren Kollegen wird Mauvignier in seinem Weltschmerz jedoch nie zynisch. Das ist ihm hoch anzurechnen.

          KLARA OBERMÜLLER

          Laurent Mauvignier: "Fern von euch". Roman. Aus dem Französischen von Joseph Winiger. Eichborn Berlin Verlag, Berlin 2001. 120 S., geb., 16,90 EUR.

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