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Rezension: Belletristik : Immer alles in Butter

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Gleichgültig, was es ist: Kurt Vonnegut läßt die Zeit beben

          4 Min.

          Als die Welt fast fertig und Gott mehr denn je zu Streichen aufgelegt war, griff er in die Bottiche mit Tiefsinn, Frohsinn, Schwachsinn und Gemeinsinn, mischte alles zu gleichen Teilen, und fertig war Kurt Vonnegut. Während Gott meinte, daß es gut war, was er zustande gebracht hatte, war sich Vonnegut nicht so sicher - weder was ihn selbst, noch was die Welt betraf. Mal erklärte er, "am Leben sein" heiße "sich entweder vor Langeweile oder vor Angst in die Hose scheißen". Dann meinte er, wir seien "hienieden, um herumzublödeln. Lassen Sie sich bloß nichts anderes erzählen!" Schließlich hielt er sich an seinen Sohn Mark, der sagte: "Wir sind alle hienieden, um einander auf dem Weg durch dieses . . . äh . . . na, egal, was es ist, behilflich zu sein."

          Als Vonneguts Leben fast zuende war, setzte er seinem schon Jahre währenden writer's block ein Ende, nahm autobiographische Erinnerungen, verwegene Pointen, besorgte Bemerkungen und Fragmente des Science-fiction-Romans, an dem er vergeblich laboriert hatte, mischte alles zu gleichen Teilen, und fertig war, was er dann beunruhigenderweise als sein "letztes Buch" bezeichnete: "Zeitbeben". Vonneguts deutscher (nicht sein amerikanischer) Verleger behauptet, es sei ein "Roman". Das stimmt natürlich nicht, stört aber auch nicht weiter und ändert nichts an dem Vergnügen, dem Leser auf dem Weg durch dieses . . . äh . . . na, egal, was es ist, behilflich zu sein.

          Wer dieses Buch liest, dem geht es wie dem Pilzsucher kurz nach dem Regen. Der Weg ist ein bißchen unwirtlich, manchmal steht man, vom Zweig getroffen, da wie ein begossener Pudel, noch sind nicht große Pilze aus dem Boden geschossen, aber kurz bevor man die Lust zu verlieren beginnt, findet man doch schon etwas Kleines, Leckeres: einen Witz, ein Bonmot, eine bizarre oder rührende Geschichte.

          Vonnegut warnt vor dem Fernsehen, das "keinerlei Hirnschmalz" erfordert und die Seelen "vollsumpft", sowie vor dem Computer, der die Buchkultur bedroht; er hält Henry David Thoreaus "Walden" für ein "prima Buch" und findet es falsch, daß in den Vereinigten Staaten Schußwaffen so schnell und "billig wie ein Toaster" zu haben sind; er mag die Feuerwehr, hat Probleme mit Atombombe und Atomenergie - und er hat vor allem das Problem, uns das alles mitteilen zu müssen.

          Zwischendurch aber kommt die Geschichte von der Postbeamtin an der Second Avenue in Manhattan, und alles wird wieder gut. "Vom Halse aufwärts" (der Rest wird vom Schalter verdeckt) sieht sie aus wie "ein Thanksgiving-Dinner"; jeden Brief nimmt Vonnegut als Vorwand, um sie zu besuchen, aufgeregt in der Schlange bis zu ihr vorzurücken, bis sie ihn am Ende wiegt, frankiert und stempelt. Mehr nicht.

          Oder er berichtet von dem Konzert des Indianapolis Symphony Orchestra, bei dem ein Stück zur Aufführung kam, das immer lauter wurde und ganz plötzlich aufhören sollte: "Da war diese Frau in derselben Reihe wie ich, vielleicht zehn Plätze weiter. Sie sprach während des Crescendos mit einer Freundin und mußte ebenfalls immer lauter werden. Die Musik setzte aus. Sie schrie: ,Meine brate ich immer in Butter an!'"

          Oder Vonnegut erzählt die Geschichte von dem Blumenhändler, der sein Geschäft zu beleben versucht, indem er Ehepaaren mehrere Hochzeitstage pro Jahr gönnt. Ein Ehetag, so rechnet er aus, hat, Arbeit und Tiefschlaf abgezogen, vier "Mann-Frau-Stunden", am Wochenende etwas mehr. Ein "Mann-Frau-Normjahr" dauert demnach rund eintausendachthundert Stunden. Wenn sich Eheleute nun aber ausgiebiger umeinander kümmern, dann kann ein solches "Ehejahr" auch schon nach zwanzig Wochen vorbei sein: höchste Zeit für einen Blumenstrauß! Vonnegut selbst ist wild entschlossen, schon "nach fünfundzwanzig Jahren goldene Hochzeit zu feiern".

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