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Rezension: Belletristik : Im Zauberspiegel

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Wie es sich gehört, trägt der zweihundertste Band der "Anderen Bibliothek" den Namen Enzensberger. Zusammen mit seiner in Norwegen lebenden und diesmal federführenden Tochter Tanaquil Enzensberger präsentiert der Bibliotheksleiter persönlich die deutsche Bearbeitung eines norwegischen Buches, das nichts Geringeres ...

          Wie es sich gehört, trägt der zweihundertste Band der "Anderen Bibliothek" den Namen Enzensberger. Zusammen mit seiner in Norwegen lebenden und diesmal federführenden Tochter Tanaquil Enzensberger präsentiert der Bibliotheksleiter persönlich die deutsche Bearbeitung eines norwegischen Buches, das nichts Geringeres erzählt als die mythische Geschichte der Welt von der Erschaffung bis zu ihrem Untergang. Geschrieben hat sie vor fünf Jahren der norwegische Schriftsteller Tor Åge Bringsværd; die Enzensbergers haben sie nun zum Jubiläum übersetzt und mit Kommentaren, ausführlichem Personenregister und Quellenverzeichnis versehen, und schließlich hat Johannes Grützke das Ganze mit kongenialen Illustrationen und Initialen ausgestattet. Das Ergebnis ist ein Fest für die Bibliothek und für ihre Leser.

          Bringsværd vollbringt das Kunststück, auf zweihundertfünfzig Seiten die gesamte altnordische Mythologie zu erzählen, frei von Nebelschwere und Waberlohe, als einen anmutigen und leichtfüßigen, am Ende ergreifenden Roman von Aufstieg und Fall der Götter und ihrer Welt. Auf die Übermacht des Stoffes und seiner nicht nur in Deutschland heiklen Rezeptionsgeschichte antwortet er mit einem lapidaren Tonfall, der das Pathos auf Abstand hält, grundiert von einer gedämpften Ironie, etwas salopp, manchmal respekt-, aber nie taktlos. Die Überlieferungen der "Edda" lese er, hat Bringsværd erklärt, als "eine lange Erzählung, die wie ein großer Spiegel zerbrochen ist. Seine Scherben möchte ich wie ein großes Puzzle wieder zusammensetzen, und dazu ist ein Nacheinander nötig." Der durch Chronologie, psychologischen Scharfblick und Spielfreude hypothetisch wieder zusammengesetzte Spiegel ist dieses Buch, ein großes Epos im kleinen Format.

          Was er zeigt, sind so viele Wunder und Rätsel, daß man versteht, warum schon die wikingischen Zuhörer außer sich waren vor Staunen und Vergnügen. Da gibt es das wunderbare Götterschiff Skidbladner, das immer Rückenwind hat und sich auf Taschentuchgröße zusammenfalten läßt, und den goldenen Eber Gullborste, der nicht nur schneller ist als jedes Pferd (eine von den abenteuerlustigen Göttern dankbar genutzte Fluchthilfe), sondern luxuriöserweise sogar im Dunkeln leuchtet. Da ist Thors mächtiger Zauberhammer Mjölner, der enormen Lärm veranstalten kann und von jedem Wurf wie ein Bumerang zurückkehrt. Da trainieren untote Geisterreiter mit Flammenschwertern für die letzte Schlacht; Meermänner und Meerfrauen in Tiefseeschlössern gibt es zu sehen, ungeheure Adler und allwissende Raben, Trolle und Nornen und in der Burg von Jotunheim den berühmten Geiröd. Der ist "so groß und häßlich, daß nur seine beiden Töchter, die häßliche Greip und die abscheuliche Galp, seinen Anblick ertragen können". Ganz so schlimm ist es aber doch nicht mit der Häßlichkeit, denn Geiröd hat, was in dieser Welt keineswegs selbstverständlich ist, wenigstens "nur einen Kopf". Auch die Menschen tragen hier Namen, die selbst durch Tolkiens Adaptionen nicht übertroffen worden sind. "Raudung" heißen sie oder "Gambara" oder "Aurwandil"; noch der gräßliche Winter am Ende der Welt wird "Fimbul" heißen. So liest man und staunt und lernt nicht aus.

          Himmel und Erde sind die Schauplätze, die Tiefen des Eismeers, die norwegischen Fjorde und die russischen Steppen und einmal auch das Land der Finnen. In dieser Welt agieren die wilden Götter. Sie sind die eigentlichen Helden der Geschichte - Iduna beispielsweise, die leider extrem vergeßliche Göttin ewiger Jugend, oder die ewig pubertierende Liebesgöttin Freia oder Baldur, "eine Lichtgestalt" mit dunklen Ahnungen. Aber auch die schwierige Ehe Odins und Friggas gibt es, mit Ehebruch und Entfremdung und den stummen Umarmungen im Ehebett, wenn der verzweifelte Göttervater sich in den Schlaf weint.

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