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Rezension: Belletristik : Im Weltdorf

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Al Imfeld beschwört Geister

          2 Min.

          Die Nützlichkeit des Europäers in Afrika ist durchaus umstritten, und es gibt eine Denkschule, die praktisch alle Krisen dieses Kontinents auf bis heute wirkende europäische Altlasten zurückführt. Der Schweizer Al Imfeld kann darauf verweisen, daß immerhin er mindestens zweimal segensreich eingriff. Einmal bei einer Zeremonie in Mali. Der Regenmacher suchte dafür dringend zwei Europäer. Als ihm die mit Imfeld und dessen Begleiter zur Verfügung standen, gelang ihm die Herbeirufung eines vielbejubelten sechzehnminütigen Nieselregens. Und Imfeld konnte auch dem N'ganga, einem Weisen in Mozambik, das verschaffen, was er suchte: Coca-Cola. Nicht als Durstlöscher, denn dafür hatte man Dosenbier, sondern als spirituelle Flüssigkeit, als braunes Weihwasser, denn der N'ganga war überzeugt: "Stark konnte nur werden, wer sich mit fremdem Geist und fremden Menschen einließ. Die Kunst des Lebens besteht im Mischen." Obendrein befreite Imfeld noch eine in der Schweiz lebende Afrikanerin von einem Poltergeist, indem er deren Ex-Schwiegermutter überredete, beim Beten des Rosenkranzes auf die hochfrequente Verfluchung der ehemaligen Sohnesgattin zu verzichten.

          Al Imfeld - das "Al" ist ein abgekürzter Alois - bewegt sich also durchaus geläufig im Terrain jenseits der Schulphysik, aber das kennt er auch schon seit Jugendzeiten. Aufgewachsen ist er als eines von zehn Kindern eines Kleinbauern im stockkatholischen Luzerner Hinterland. Diesen auch von ihm zumindest bis zu einem Theologiestudium getreulich praktizierten Katholizismus sieht der heutige Journalist und Experte für Entwicklungshilfe in seinen heimischen Breiten aber auch als Überlagerung eines omnipräsenten Animismus und Schamanismus, und beim bösen Nachbarn, dem Berner mit seinem greulichen Protestantismus, sei es nicht anders. Daß die Natur beseelt ist, weiß er aus eigener Erfahrung, etwa als Zehnjähriger bei Kriegsende 1945: "Ihr glaubt es mir nicht: An jenem Abend des 8. Mai gaben unsere Kühe mehr Milch - jede Kuh etwa einen halben Liter."

          Imfeld bewegt sich in Afrika wie in einer fremden, doch zugleich vertrauten Welt. Im Farbfernseher, den ein nordnigerianischer Mekka-Pilger als triumphale Beute mit heimbringt, erkennt er das Lourdes-Wasser der Hochzeitspilgerreise seiner Eltern wieder, und die herrschaftssichernde Informationsbeschaffungspolitik eines afrikanischen Häuptlings durch Vielweiberei gemahnt ihn an die Ausforschungstechniken seines heimischen Pfarrers im Lager der weiblichen Gemeindemitglieder. Eine menschenfreundliche, neugierige Milde bestimmt Imfelds Blick, und sie schließt auch noch den afrikanischen Bischof ein, der kirchliche Entwicklungshilfeorganisationen betrügt und ergaunerte Gelder für den Bau eines Waisenhauses verwendet, in dem ausschließlich seine extrazölibatär gezeugten Nachkommen betreut werden. Der kann sogar noch - fast erfolgreich - versuchen, einen beratenden Kontrolleur, der ihm auf die Schliche gekommen ist, durch Giftmord zum Schweigen zu bringen: immerhin kümmert er sich um seine Nachkommen, und das Zölibat hält der Autor sowieso nicht für der Weisheit letzten Schluß.

          21 Geschichten auf 136 Seiten, das heißt, es ist jeweils kurz, was Imfeld erzählt und erscheint in fast spartanischer Prosa. Daß er sie nicht aufbläst in heute gängigere Formate, gibt ihnen einen sehr eigenen Ton, und daß er in seinen Geschichten nicht missioniert für seine Parallelwelten, obwohl der Luzerner Katholizismus stark beseelt ist vom Missionsgedanken, das macht sie gut verträglich, selbst für einen stumpfen Rationalisten wie den Rezensenten. BURKHARD SCHERER

          Al Imfeld: "Da kam eines Tages im Frühsommer, kurz vor dem Melken, ein Mann leicht und fast tänzelnd vom Wald daher". Neue Geschichten. Verlag im Waldgut, Frauenfeld 1997. 136 S., 32,- DM.

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