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Rezension: Belletristik : Im Wartesaal des Provisoriums

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Mavis Gallants Erzählungen "Transitgäste"

          Eigentlich heißt Potter ja ganz anders, aber wer möchte von seiner kanadischen Freundin verlangen, daß sie sich einen osteuropäischen Namen merkt? Wo Pjotr, ein polnischer Dichter und Dissident, doch aus jenem Teil Europas stammt, in dem alles schrecklich sein muß und sich Länder voneinander nicht im geringsten unterscheiden. Die Geschichte spielt während der Reagan-Ära, und für all die freundlichen Franzosen und Amerikaner, die Pjotr in Paris trifft, kommt er von irgendwo aus der "östlichen Ebene, die bar aller Straßen, Schulen, Busse, Fahrstühle und vielleicht sogar Grenzen war".

          Kaum daß er in Paris seine ersten Lesungen gehalten und die ersten Abendeinladungen absolviert hat, weiß er, daß über ihn und seine Landsleute aus dem düsteren, gestaltlosen Osten nicht nur Armut und Unfreiheit, sondern auch das Unwissen der anderen verhängt ist; kein Mensch, auf den er hier im Westen noch treffen wird, hat eine Ahnung davon, was der Unterschied zwischen Slowenen und Slowaken ist und was es mit einem polnischen Dichter, außer daß er mit diesen ekelhaften Kommunisten zu tun hatte, noch auf sich haben kann. So steht Pjotr seine Zukunft klar vor Augen: "Er würde sich in Frankreich um eine Stelle bewerben, vielleicht an einer Universität in der Provinz. Er würde den Frauen von Ärzten und Notaren Gedichte vorlesen, und sie würden sich vorstellen, daß er aus Sibirien geflohen und das, was sie hörten, Russisch sei."

          Doch da ist ja noch die flotte Laurie, die auf den ersten Blick das bessere Los gezogen zu haben scheint und sich nicht genug wundern kann, daß ein Mann von Potters Bildung den "Unterschied zwischen Victoria in British Columbia und Charlottetown auf Prince Edward Island" nicht kannte und noch "nichts von der Bishop-Purse-Schule und ihrer berühmten Direktorin Miß Ellen Jones wußte", unter deren Regiment Laurie als Internatszögling gelitten hatte. Genauer betrachtet, ist Laurie, die mit ihrer zwanghaften Fröhlichkeit ein paar Jahre in Europa herumstreunt, gar nicht besser dran als ihr Potter, dessen Melancholie sie so anziehend findet. Denn in Laurie und Potter begegnen einander nicht nur zwei Menschen aus West und Ost, sondern auch zwei Lebenshaltungen: Laurie "hatte keine Erinnerung, außer an ihre Schulzeit; sie war wie eine Tafel, die jede Woche einmal leergewischt wird"; und Pjotr hat fast nichts als seine Erinnerungen, an denen freilich niemand in Paris Interesse zeigt. Ist die notorisch gutgelaunte Kanadierin nichts als geschichtslose Gegenwärtigkeit, so ist Potter so tief und heillos der Geschichte Osteuropas verfallen, daß er fast nie zur Unmittelbarkeit des Lebens vorzustoßen weiß. Die Liebesgeschichte der beiden hat denn nicht nur ihre Höhen und Tiefen, sondern vor allem ihre Mißverständnisse: da mögen sich zwei vielleicht sogar lieben, aber verstehen können sie einander nicht.

          "Potter" ist eine jener sechzehn von über einhundertzwanzig Geschichten, die Hans Magnus Enzensberger aus dem erzählerischen Werk der Kanadierin Mavis Gallant ausgewählt hat, um die 1922 in Montreal geborene, seit 1950 in Paris lebende Autorin in seiner "Anderen Bibliothek" mit einer repräsentativen Auswahl vorzustellen. Es ist nicht der erste Versuch, die Erzählerin der Heimatlosigkeit im deutschen Sprachraum heimisch zu machen, in den letzten Jahren hatten immerhin dtv, Rowohlt und Fischer Gleiches versucht - mit geringem Erfolg.

          Dabei ist in Mavis Gallant nicht nur eine großartige Erzählerin zu entdecken, sondern eine, die sich ureuropäischer Stoffe annimmt. Ihre traurigen, verzweifelt um Würde und Haltung bemühten Helden sind Gestrandete der europäischen Krisen, Flüchtlinge, von da nach dort gespült und im existentiellen Nichts angekommen, Gäste auf Widerruf, die man ein paar Tage lang hofiert, um sie gerade noch zu dulden, Menschen im Wartesaal, die eines Tages verwundert auf die Jahre zurückblicken und feststellen, daß ihr Leben mit Warten vergangen und ihr Provisorium definitiv geworden ist.

          Gallants Geschichten spielen in Paris, wo sich eine Handvoll Rumänen für den Rest ihres Lebens darüber unterhalten, wie es in Rumänien war, im geteilten Berlin als einer Metropole Zwischeneuropas, in einem Hotel in Spanien, am Flughafen in Helsinki, wo sich im Transitraum die Schicksale von ein paar Passagieren für eine halbe Stunde kreuzen . . . "Transitgäste" sind sie alle, und ohne daß sie vom italienischen Faschismus, spanischen Bürgerkrieg oder Stalinismus erzählen würde, ist das Leben dieser heimatlosen Helden des Alltags mit den politischen Katastrophen des Jahrhunderts verbunden.

          Mavis Gallant erzählt nicht von den großen historischen Ereignissen, sondern von den unbemerkten Tragödien, von Menschen, die aus allen Sicherheiten gestürzt sind und sich an ihre Erinnerung, an kleine Riten und Obsessionen halten, um sich nicht völlig abhanden zu kommen. Diese Kanadierin schreibt europäische Seelengeschichte des Jahrhunderts, und sie tut dies mit lakonischem Witz, hoher erzählerischer Intelligenz und unverkennbarer Zuneigung zu ihren scheiternden Gestalten. KARL-MARKUS GAUSS

          Mavis Gallant: "Transitgäste". Erzählungen. Aus dem Englischen übersetzt von Barbara von Bechtolsheim, Reinhild Böhnke, Eva Hornemann und Helga Pfetsch. Eichborn Verlag, Die Andere Bibliothek, Frankfurt 1998. 422 S., geb., 49,50 DM.

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