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Rezension: Belletristik : Im Dauerlauf durch die innere Aufsichtsbehörde

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Festhalten an der Chronologie eines Milieus: Die Werke Christa Wolfs · Von Peter Demetz

          Christa Wolf, viel gerühmt und oft gescholten, gehört zu jenen raren Schriftstellerinnen, denen es nie an gleich gestimmten Leserinnen, aufmerksamen Kritikern pro und contra, Ehrungen und internationalen Literaturpreisen mangelte, und selbst die Auseinandersetzungen, die sie nach dem Fall der Mauer betrafen, hat sie mit einer Geduld überlebt, die an jenen Gleichmut grenzt, der schon Vieles erlebt hat. Die Frage ist nur, wen sie alle meinen, die DDR-Nostalgiker in Ost und West, die erzürnten älteren Linken (ich verstehe sie sehr gut), die ihr die Gespräche mit der Stasi nicht verzeihen wollen, die amerikanischen Verteidigerinnen der marxistischen Feministin oder die Bewahrer der alterwürdigen deutschen Innerlichkeit, die jetzt als Rammbock gegen die kapitalistische Technologie herhalten muss. Schwer zu entscheiden; sie selbst hat ihre Rollenspiele eifrig gefördert, indem sie sich bald als Stille im Lande in ihre Kate in Mecklenburg zurückzog, bald (während ihre Mitbürger in den brandenburgischen Schrebergärten saßen) kosmopolitisch zwischen Moskau, Athen, Zürich, Ohio und Los Angeles reiste und einen in der Moderne längst traditionellen Zweifel an der Sprache kultivierte, der sie mit einigem Erfolg daran hinderte, die Dinge bei Namen zu nennen.

          Ist sie noch eine lebendige Frau, oder ein abstraktes Symbol des Widerstandes oder der Feigheit? Hat man sie nicht mit Ansprüchen, Erwartungen und politischen Projektionen überfordert, anstatt sie ruhig und gelassen zu lesen? Wir sind jetzt in der Lage, solche Fragen aus einigem Abstand überprüfen zu können, denn der Luchterhand Verlag hat sich entschlossen, eine zwölfbändige Werkausgabe ihrer erzählenden und essayistischen Schriften in chronologischer Folge herauszugeben. Die ersten vier Bände, präsentiert von Sonja Hilzinger, reichen vom Jahre 1959 bis 1980, und die ganze Edition soll bis Herbst 2001 abgeschlossen sein. Es ist aber eines, eine Werk- und Lese-Ausgabe aus guten Gründen chronologisch zu ordnen, und ein anderes, die Bücher in chronologischer Pedanterie auf den Markt zu bringen und die Leserschaft, auch der jüngsten Generation, wieder ins DDR-Museum zu drängen, und ihr einen Blick auf die spätere Prosa, zum Beispiel im "Sommerstück", zunächst vorzuenthalten. Die Herausgeberin ist sich dessen bewusst, dass sie, im Einverständnis mit der Autorin, einen willkürlichen Anfang setzt, indem sie die Aufsätze und Rezensionen, mit welchen die Leipziger Germanistin ihre Karriere begann, als rückwärts gewandte Zensorin wegen ihrer "ausgesprochenen Zeitbezogenheit" von der Veröffentlichung ausschließt. Wenn man nicht verstünde, dass die Herausgeberin, mit einer noblen Umschreibung, die parteipolitische Hörigkeit der jungen Autorin meint, die ihre schreibenden Kollegen damals jener kleinbürgerlichen Haltungen und ideologischer Fehler bezichtigte, die ihr später ihre Genossen an den Kopf werfen sollten. Zeitbezogen sind alle ihre Arbeiten, aber es kommt darauf an, wie. Wenn nicht die frühen Aufsätze, warum die "Moskauer Novelle", aus der Gartenlaube der Partei, oder der "Geteilte Himmel", in dem die Brigadegeschichte über den dubiosen Liebesroman triumphiert?

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