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Rezension: Belletristik : Im Club der devoten Dichter

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Uwe Kolbes neues Gedichtbuch trägt einen schönen, sinnlichen Titel. Er macht neugierig, was "Die Farben des Wassers" sind und wie klar und lebendig die Sprache dieser Gedichte fließt. Vom Wasser spricht auch das Motto des Bandes, Verse aus Mörikes "Um Mitternacht": "Es singen die Wasser im Schlafe noch ...

          Uwe Kolbes neues Gedichtbuch trägt einen schönen, sinnlichen Titel. Er macht neugierig, was "Die Farben des Wassers" sind und wie klar und lebendig die Sprache dieser Gedichte fließt. Vom Wasser spricht auch das Motto des Bandes, Verse aus Mörikes "Um Mitternacht": "Es singen die Wasser im Schlafe noch fort vom Tage, / Vom heute gewesenen Tage." Sie bereiten darauf vor, daß Kolbes Verse, wenn sie vom Heute und vom Gewesenen sprechen, ein lyrisches Tagebuch ergeben.

          Es besteht aus 46 Gedichten, geschrieben zwischen April 1999 und Januar 2001. Sie alle sind nach Tag und Ort ihrer Entstehung bezeichnet. Unverkennbar ist süddeutsches Ambiente im Spiel; und "Tübingen, Juli 2000" entwirft ein leicht satirisiertes Bild jener Stadt, in der Kolbe lebt. Doch das Lokale ist peripher, und auch die Datierungen wären überflüssig, wollten sie nicht etwas Besonderes akzentuieren. Kurz: Dies ist das Tagebuch einer Krise. Schwieriger schon ist herauszufinden, worin die Krise besteht und worauf sie zielt. Kolbe ist ja eher spröde und sparsam mit Konfessionen. Hier hat man freilich den Eindruck, daß er schon etwas bekennen, ja verraten möchte. Aber auch, daß hinter vorgehaltener Hand ins Vorläufige, Andeutende, ja Hermetische gesprochen wird.

          Gleich das zweite Gedicht fragt, fragezeichenlos: "Wo gehe ich hin." Ein Gedicht des Unmuts - ja des Nichtmuts. Zweimal erscheint die Formulierung: "Das hatten wir schon." Das Ich hat zu Anfang eine Vision: "Im Wasser stehen die Sätze, / im Flusse des rauschenden Baches dies klare Gedicht." Aber dann folgt die totale Zurücknahme: "Die Vorschriften unseres Clubs lassen es ungeschrieben." Dieser Schluß befremdet. Denn ihn schreibt ein Autor, der zu DDR-Zeiten oft und risikofreudig, in Klartext oder Sklavensprache, seinen Einspruch und seine Wahrheit formulierte. Welcher "Club" und welche Vorschriften sollte ihn heute hindern, das "klare Gedicht" zu schreiben?

          Doch Kolbe hat offenbar ein größeres Problem vor Augen als die Frage nach der Opportunität bestimmter Schreibweisen. Ihn blockiert das Problem der Nachgeborenen, der Epigonen. "Aber nur Gestrige sind wir", klagt er, "mit entatmetem Wort aus dem letzten Krieg heimgekehrt." Aber was ist mit der Gegenwart? Mit dem Sprechen in der Banalität des kapitalistischen Welt-Alltags? Ein "Kurzer Traktat darüber, worauf ich aus war" scheint eine Antwort zu geben: "Ich war auf das Eine aus, von dem ich nicht wußte. / Ich war auf das Andere aus, nachdem ich Eins kannte." So weit, so klar. Wir lesen ein Traktat über Systeme, über die Schwierigkeit, zwischen ihnen zu wählen, und die größere Schwierigkeit, sie zu überwinden. In Kolbes Gedicht herrscht Lähmung. So bleibt logisch wie poetisch nur die Paradoxie oder das Rätsel. Kolbe schließt: "Wenn Kultur Sublimierung ist, dann will ich doch lieber rauf auf es" - was immer mit "es" gemeint sei.

          Nun ist Kultur so ziemlich Sublimierung und Kunst allenfalls ein Glücksversprechen, aber nicht das Glück selbst. Kolbe reibt sich an diesen Konditionen. Er schwankt selbstquälerisch zwischen der Mitteilung seiner Probleme und ihrer Verrätselung. Manches, was dunkel erscheint, ist wohl nicht ganz zu Ende gedacht, zu Ende gedichtet. Zu den verständlichsten Gedichten gehört ausgerechnet das letzte, "Das unverständliche Gedicht". In ihm hüpft der Autor mit komischer Grazie, vielleicht weil er das Pensum seiner Bedenklichkeiten hinter sich hat. Dort heißt es: "Das unverständ- / liche Gedicht war nicht an einem Tag gedichtet, / genaugenommen nie." Aber auch diesem witzigen Gedicht merkt man an, daß es an einem Tag gedichtet wurde: "Holzmarkt, 18. Januar 2001." Warten wir auf weitere "unverständliche" Gedichte - oder auf die wirklich klaren, von der Farbe des Wassers.

          HARALD HARTUNG

          Uwe Kolbe: "Die Farben des Wassers". Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2001. 80 S., geb., 14,80 .

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