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Rezension: Belletristik : Im Bannstrahl der Bogenlampe

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Unglück hat viele Facetten. Einsamkeit, Erfolglosigkeit oder Enttäuschung lassen sich leicht von belangloser Alltäglichkeit abheben. Sie beunruhigen, sie berühren. Wer darüber - noch dazu gut - erzählt, kann mit Interesse rechnen. Corinna Soria versteht etwas von den Schattenseiten des Daseins. Im vergangenen Jahr ...

          3 Min.

          Unglück hat viele Facetten. Einsamkeit, Erfolglosigkeit oder Enttäuschung lassen sich leicht von belangloser Alltäglichkeit abheben. Sie beunruhigen, sie berühren. Wer darüber - noch dazu gut - erzählt, kann mit Interesse rechnen. Corinna Soria versteht etwas von den Schattenseiten des Daseins. Im vergangenen Jahr legte sie ihr Debüt mit dem Titel "Leben zwischen den Seiten" vor - den verstörenden Befund über eine finster beklemmende Kindheit in der österreichischen Provinz. Die 1962 geborene, unter Pseudonym schreibende Autorin traf damit auf Anhieb einen in der deutschen Literatur seit dem "Anton Reiser" selten gewordenen Ton.

          Eine bedrückende, freudlose, einsame Atmosphäre lagert auch über den neuen Erzählungen. Manche dringen tief beim Leser ein und bringen nicht bloß sprachlich eine Saite im Innern zum "Klingen". Musik ist in diesem Buch vielfach zugleich Motiv und Kompositionsprinzip: "Die Kunst, über den Bogen zu springen", die der Untertitel ergänzt, spielt in einem bewußt schiefen Bild darauf an. Doch kommen in diesem Buch neben Streich- auch Pfeilbögen vor, die aber wieder Metaphern sind. Tatsächlich springen die Figuren oft eher über ihre eigenen Schatten, und auch der Leser muß sich jederzeit zum Sprung bereithalten, um den Andeutungen, Perspektivwechseln und Querverweisen folgen zu können.

          Namenlos, wie alle Hauptfiguren Sorias, noch dazu aber ziemlich sprachlos, erscheint "er" in der Eröffnungsgeschichte "Winter". Die Musik, das Cello, ist seine einzige Ausdrucksmöglichkeit. Jedenfalls so lange, bis er einen Freund findet, der wieder "die Muttersprache in ihn säte". Dieser ebenfalls musikalische Freund, der den Krieg in einem Wiener Keller überlebte, zerbricht irgendwann schweigend an sich und der Welt. Jung und einsam stirbt er dahin, ein wenig wie bei Andrian, Beer-Hofmann oder Hofmannsthal. Auf solche literarische Traditionen anspielend, sendet "er" dem Freund "Briefe an einen Toten" über dessen Hinterlassenschaften, das Cello der Mutter und seinen Hund, der ihm vor Trauer am liebsten in den Tod folgen wollte. Das Ende der Geschichte, das sich in einem Traum bereits andeutet, hier aber nicht vorweggenommen werden soll, ist so traurig schön, daß man sogar über manche pathetische Wendung hinwegsehen kann.

          Auch die anderen Erzählungen sind raffiniert, voller Aussparungen und spielen mit Formen und Traditionen. "Exkubus", die Geschichte einer durch Autorität gebrochenen Jugend, verläßt die kühl distanzierte Haltung des Biographen durch die sparsame Prägnanz wörtlicher Rede. In "Dire Adieu" gewinnt die bedrängende Sehnsucht nach dem abwesenden, flüchtigen Geliebten durch die Innenperspektive der erlebten Rede an Intensität. Das gleiche Thema verlagert die "Kurze Geschichte für David" hingegen in die Phantasie: Sie präsentiert sich als ein "Märchen, ja ein süßer Traum, ein paar Wahrheiten hineingewoben, ja, das gebe ich zu, ein paar grundlegende Wahrheiten, aber alles in allem ein Märchen". Eine weitere Variante dieser Geschichte eines Geliebten, den es nie gegeben hat, wird im Zyklus "Eros" vorgestellt: Eine Frau zieht sich nach Alaska zurück, um sich in der Kunst des Bogenschießens zu üben. Doch geht es nicht um Sport, sondern um Erinnerung. Jeder der sorgfältig aus Eros' Köcher ausgewählten Pfeile entfesselt eine Episode des Beziehungsreigens.

          Spätestens hier gerät das Spiel mit den Formen in die Gefahr des bloß Handwerklichen. Zu absehbar fügt die Literaturwissenschaftlerin Soria die zwölf Begegnungen mit je sechs Männern und Frauen in einen erzählerischen Rahmen. Plötzlich beginnt man sich nach einer Kunst zu sehnen, die sich nicht als solche zu erkennen gibt. Motti von Sappho bis Roland Barthes, auch allerlei Titel und Zitate in den Texten, weisen in die entgegengesetzte Richtung. Solcher Geländer, die sich eher Oberseminaren als dichterischer Inspiration verdanken, bedarf es aber gar nicht. Denn Soria kann viel zu gut erzählen, als daß sie auch nur Spuren jenes "Universitätsargots" nötig hätte, den sie in der Titelerzählung "Klingen" selbst spöttisch abtut. Ihre Stärke liegt in der detaillierten Beobachtung und klugen Darstellung fremder und manchmal erschreckender Wirklichkeiten. Wer ihr als Leser dorthin folgt, wird ebenso stark beansprucht wie belohnt.

          ALEXANDER KOSENINA.

          Corinna Soria: "Klingen". Die Kunst, über den Bogen zu springen. Erzählungen. Wieser Verlag, Klagenfurt 2001. 173 S., geb., 18,80 .

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