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Rezension: Belletristik : Ich war zwanzig und naiv

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Denons Geschichte einer Leidenschaft / Von Martin Mosebach

          4 Min.

          Es gibt Leser, die darauf schwören, der richtige Anfang entscheide über das Gelingen eines erzählerischen Werks. Berühmte Anfänge wie der der "Marquise von O." von Kleist sind Grundlage ganzer literarischer Schulen geworden, die ein verblüffendes Faktum durch grammatisch erzeugten Überdruck dem Leser wie einen aus der Flasche schießenden Sektkorken ins Gesicht springen lassen. Ist es eigentlich wichtig, wie es danach weitergeht? Und schwebt die Erzählung, die so explosiv begonnen hat, nicht stets in der Gefahr, den Leser zu enttäuschen, weil es so komprimiert, so dreist, so schnell nicht immer weitergehen kann?

          Es muß eine einflußreiche kleine Gemeinde von Anfangsspezialisten gewesen sein, die der kurzen Erzählung "Point de lendemain" von Vivant Denon zur Aufnahme in das literarische Pantheon der Pleiade-Ausgabe verholfen hat. Der Autor wäre darüber wahrscheinlich überrascht gewesen. Obwohl er, von der kleinen Erzählung abgesehen, ein bedeutendes Werk geschrieben hat, kann man ihn eigentlich nicht als Schriftsteller bezeichnen. Aber was war er dann? Ein Talleyrand der schönen Künste vielleicht? Als er 1747 geboren wurde, hieß er Vivant de Non; obwohl er als Sohn eines kleinadligen Hauses zum Hof strebte, absolvierte er eine Ausbildung als Zeichner und Radierer. Ludwig XV. machte ihn zum Kammerherrn und sandte ihn auf diplomatische Posten nach Sankt Petersburg und Neapel. Dort hat er womöglich seine kleine Erzählung geschrieben. Aber erst die Revolution brachte den künstlerischen Liebhaber und Sammler in eine professionelle Beziehung zur Kunst, als Jacques-Louis David sich bei Robespierre für die republikanische Gesinnung des Mannes verbürgte, der sich jetzt Denon nannte.

          Einundfünfzig Jahre war er alt, als er sich der Ägypten-Expedition Bonapartes anschloß. Frucht dieser abenteuerlichen Unternehmung ist sein großer, reichillustrierter Reisebericht, der das erste Zeugnis der modernen Ägyptologie darstellt. Und dann kam die historische Aufgabe: Denon wurde erster Direktor des "Musée Napoléon", des Louvre, der zum Schatzhaus der Kunstbeute aus den Napoleonischen Kriegen bestimmt war. Und selbst die Deutschen und Italiener, die mit Bitterkeit Denons Raubzüge in den eroberten Ländern anklagten, konnten ihm ihre Bewunderung für die neuartige Ordnung, in die er die Sammlung brachte, nicht versagen. Denons Louvre ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Entstehung der Kunstwissenschaft. Die prächtig ausgestellte, nicht in finsteren Lagern verschimmelnde Beutekunst leitete ein glanzvolles Jahrhundert französischer Malerei ein, obwohl nach Napoleons Niederlage manche Bilder wieder zurückgegeben werden mußten, zum Kummer Vivant Denons, der sich daraufhin von seinen Ämtern ins Privatleben zurückzog.

          Ein Innovator, ein Mann des neunzehnten Jahrhunderts mit seiner Wissenschaft und seinem Imperialismus hat in seiner ersten Lebenshälfte diese kleine Geschichte "Point de lendemain", zwischen Dapontes "Così fan tutte" und Laclos' "Liaisons dangereuses" angesiedelt, geschrieben. Seit Franz Blei haben sich immer wieder Übersetzer um den kurzen Text bemüht. Reinhard Kaiser hat sich für den Titel "Nur diese Nacht" entschieden, der eine dem Original fremde lyrisch melancholische Süße besitzt - Justus Franz Wittkops "Ohne Nachspiel" kommt der kühlen Atmosphäre des Stücks erheblich näher. Denons Zuckrigkeit ist kristallin, sein stilistisches Vorbild sind nicht Erzähler, sondern Aphoristiker: Antike sentenziöse Lakonie ist sein Ideal.

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