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Rezension: Belletristik : Ich war immer schon böse

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"Wer an Kategorisierungen interessiert ist, wird bedient mit allem: von Hardboiled bis Horror", erklärt Andrew Vachss in der Einführung zu seinem Buch "Born Bad". Mit allem? Außerhalb dieses Spektrums scheint es für Andrew Vachss wohl keine Kategorien zu geben.Der New Yorker Anwalt hat sich in ...

          "Wer an Kategorisierungen interessiert ist, wird bedient mit allem: von Hardboiled bis Horror", erklärt Andrew Vachss in der Einführung zu seinem Buch "Born Bad". Mit allem? Außerhalb dieses Spektrums scheint es für Andrew Vachss wohl keine Kategorien zu geben.

          Der New Yorker Anwalt hat sich in seinem Hauptberuf auf die Vertretung von Kindern und Jugendlichen spezialisiert und den Kampf gegen Kindesmißbrauch zu seiner Lebensaufgabe gemacht. Ähnlich wie in Deutschland Johannes Mario Simmel behauptet er, Belletristik nur zu verfassen, weil er so mit seinen Themen eine größere Leserschaft erreichen könne als durch Sachbücher.

          Der pädagogische Impetus prägt besonders zwei inmitten der Kurzgeschichten plazierte dramatische Texte, einen kurzen Dreiakter und eine daran anschließende Szene. Im ersten Stück beginnt eine junge Frau in einer Telefonsex-Agentur zu arbeiten. Als sie mit einem Pädophilen verbunden wird, kommen Erinnerungen an ihren eigenen Mißbrauch durch den Vater hoch. In der Szene erfährt man, daß sie nunmehr ihren Vater getötet hat, und sie äußert Meinungen, die auch der Autor selbst in Interviews verkündet. In den Stories der "Underground"-Serie wählt Vachss eine umständliche Science-fiction-Verkleidung, um seine Ansichten darzulegen.

          Interessanter ist die Titelstory: Ein Serienkiller, der seinen weiblichen Opfern die Herzen herausschneidet, schreibt einen Brief an einen Psychiater. Dieser hat erklärt, daß es keinen biogenetischen Code für einen Serienkiller gebe: "Es mag ja durchaus einige Neigungen geben, aber die einzige Möglichkeit, ein solches Monster zu erschaffen, ist früher, chronischer und systematischer Kindesmißbrauch." Der Mörder besteht darauf, böse auf die Welt gekommen zu sein. Er sei als Kind immer gut behandelt worden. Sein Bruder hingegen sei schweren Mißhandlungen und sexuellem Mißbrauch ausgesetzt gewesen, aber ein ehrbarer Bürger geworden. "Der Freak hat recht", triumphiert der Ermittlungsleiter. Killer und Polizist teilen das gleiche Weltbild. Das letzte Wort behält jedoch der Psychiater, der sich mit der Person des Mörders genau beschäftigt hat: "Er hat keinen Bruder." Die Position des Psychiaters entspricht der von Vachss. Aber im Vorwurf, die Liberalen leugneten die Existenz des Bösen generell, kommt auch der Killer den Auffassungen des Autors nahe, der vehement für die Kategorie des substantiell Bösen eintritt.

          Ein Hauptthema in diesem Band ist, wie auch in vielen von Vachss' Romanen, Rache. In manchen Geschichten könnte man fast meinen, es werde Selbstjustiz propagiert. Daß dies nicht so ist, ergibt sich erst aus dem Kontext, wenn etwa ein Mann, der als Kind vom Freund der Mutter mißbraucht wurde, nun reihenweise Schwule ermordet oder ein anderer Serienmörder aus seinem Auto heraus Menschen erschießt, die sich im Straßenverkehr "unhöflich" verhalten. Wer denkt da nicht an jüngste Ereignisse in Washington? In der Titelstory läßt Vachss den Mörder äußern: "Serienkillerchic hat das amerikanische Bewußtsein befallen." Nicht nur das amerikanische.

          Nicht in allen Geschichten spielt sexueller Mißbrauch eine Rolle. Fast immer geht es um Kriminalität, aber Detektivgeschichten im engeren Sinne kommen nicht vor. Eine der stärksten Stories, "Plan B", beginnt mit den Worten: "Ich sag, ich wär ein Spieler, aber das bin ich nicht - ein Spieler gewinnt manchmal." In bester amerikanischer Short-Story-Tradition, mehr noch von Hemingway als von Hammett herkommend, wird auf engstem Raum ein Mensch mit seiner Lebensgeschichte dargestellt. Hier emanzipiert sich der literarische Autor Vachss vom zweckorientiert schreibenden Anwalt. "Plan B" könnte sich in jeder Anthologie neuerer amerikanischer Kurzgeschichten auch neben Werken etwa eines Raymond Carver sehen lassen. Mit den genannten Autoren hat Vachss vor allem den lakonischen Stil gemein. Manchmal treibt er die Verknappung allerdings so weit, daß eher eine Skizze als eine fertige Geschichte dabei herauskommt. Das Maß an erzählerischer Sorgfalt variiert ziemlich stark.

          Die deutsche Ausgabe von "Born Bad", die die Hälfte der Stories des schon 1994 erschienenen Originals umfaßt (der Rest erschien bereits 1996 unter dem Titel "Kreuzfeuer"), kommt trotz der zeitlichen Verzögerung gerade recht: Vachss' Geschichten passen besser denn je in diese Anfangsjahre unseres neuen Jahrhunderts, dessen Kategorien bislang von Hardboiled bis Horror reichen.

          HARDY REICH

          Andrew Vachss: "Born Bad". Stories. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Jürgen Bürger. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2002. 220 S., geb., 18,90 [Euro].

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