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Rezension: Belletristik : Ich esse meine Backpflaumen nicht!

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Drei Rezensionen über ein neu erschienenes Buch müsse man mindestens gelesen haben, bevor man sich ein Urteil bilden kann, erklärt Virginia Woolf kategorisch, weil alle Rezensenten "im Sold eines Redakteurs stehen, der im Sold eines Gremiums steht, das eine politische Richtung zu verfolgen hat". Daher ...

          Drei Rezensionen über ein neu erschienenes Buch müsse man mindestens gelesen haben, bevor man sich ein Urteil bilden kann, erklärt Virginia Woolf kategorisch, weil alle Rezensenten "im Sold eines Redakteurs stehen, der im Sold eines Gremiums steht, das eine politische Richtung zu verfolgen hat". Daher sei jede veröffentlichte Meinung stets durch Finanzinteressen mitbestimmt, von Geschmacksfragen und persönlichen Eitelkeiten mal ganz abgesehen, und so sollten wir "jede Aussage ihres Geldmotivs entkleiden, ihres Machtmotivs, ihres Reklamemotivs, ihres Publizitätsmotivs" - wer aber kann sich solchen Luxus leisten? Wer kann es sich leisten, ohne "Geldmotiv" ein Buch nicht nur zu rezensieren, sondern überhaupt zu produzieren?

          Jane Austen habe ihre gefeierten Romane am Wohnzimmertisch eines zehnköpfigen Pfarrhaushalts geschrieben, heißt es; ein Arbeitszimmer wurde ihr ebensowenig zugestanden wie ein eigenes Einkommen. Über "Frauen und Literatur" zu reden setzt für Woolf deshalb die schlichte Forderung voraus, die sie gleich auf der ersten Seite ihres berühmten Essays formuliert: "Eine Frau muß Geld" - 500 Pfund im Jahr - "und ein eigenes Zimmer haben, um schreiben zu können." Das Weitere findet sich dann schon.

          So schnörkellos kommt Woolf zur Sache und stellt, bevor sie sich dem Schönen, Guten, Wahren widmet, erst mal jene materiellen Grundbedingungen klar, über die sich die gebildete Gesellschaft ansonsten gerne ausschweigt. Ihr feministischer Grundlagentext "Ein eigenes Zimmer" von 1928, der jetzt zusammen mit "Drei Guineen" in der von Klaus Reichert betreuten Werkausgabe in neuer Übersetzung vorliegt, lohnt nicht zuletzt deshalb immer wieder die Lektüre, weil er, so erfahrungsgesättigt wie spielerisch, so engagiert wie ironisch, gleich eine ganze Reihe bodenständiger Beispiele dafür bietet, wie beiläufig und hartnäckig sich die Geschlechterdifferenz auf der Alltagsbühne darstellt. Beispielsweise beim geselligen Essen im akademischen Kreis: Während die Herren Professoren in "Oxbridge" ihr wissenschaftliches Gespräch bei Seezunge, Rebhuhn und Rheinwein pflegen, wird den Kolleginnen im College nebenan ein frugales Mahl aus Rinderschwanzstücken, Rosenkohl und Backpflaumen serviert. Was diese Menüfolge über den Stand der Frauenbildung in England aussagt? So ziemlich alles: Anstalten weiblicher Erziehung verfügen nun mal nicht über jahrhundertelange Fürsorge durch solvente alte Herren und ihre einflußreichen Verbindungen. "Die geistige Freiheit hängt von materiellen Dingen ab. Die Dichtkunst hängt von der geistigen Freiheit ab. Und Frauen sind immer arm gewesen." Da reicht es im Frauencollege eben nur zu Salzkeksen; wer dichten will, muß anderswo satt werden.

          Der hierarchischen Geschlechterordnung unserer Gesellschaft durch distanzierte und gleichwohl teilnahmsvolle Beobachtung alles Selbstverständliche zu nehmen ist Woolfs Erfolgsmethode. Dabei umspielt ihr leichter Ton und die poetische wie witzig pointierte Sprache (in dieser Übertragung in vielen Wendungen glücklich getroffen) den harten Kern leidvoller Erfahrung, denn die Autorin wußte nur zu gut, wovon sie sprach. Zwar war sie dank einer Erbschaft abgesichert und mußte sich nicht von Backpflaumen ernähren, aber ihr eigenes, durch schriftstellerische Arbeit verdientes Einkommen lag erst 1926 - mehr als zwanzig Jahre nachdem sie zu publizieren begann - über der magischen Grenze von 500 Pfund im Jahr. Englands größte Autorin der Moderne, Tochter eines gebildeten Vaters und Frau eines bedeutenden Mannes, hat nie eine Schule, geschweige denn die Universität besucht. Während sie "A Room of One's Own" schreibt, bekennt sie einer Freundin: "Ich mußte mich zwingen, meine Figuren fiktiv zu halten. Hätte ich gesagt, schaut mich an, ich bin ungebildet, weil die Erziehung meiner Brüder die Ersparnisse der Familie verbraucht hat, wie es der Fall ist - dann hätten doch alle nur gemeint, ich wolle alte Rechnungen begleichen, und keiner würde mich noch ernst nehmen."

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