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Rezension: Belletristik : Ich bin der Mann der langen Briefe

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Noch einmal der alte Fontane, diesmal der echte: Zum Abschluß der großen Briefausgabe Von Eckhard Heftrich

          10 Min.

          "Und mit den Romanen und Novellen habe ich mich erst recht abgemüht. Und was ist jetzt am Ende meiner Tage das Resultat davon? Ich warte die Gleichgültigkeit der Menschen nicht mal ab, sondern komme ihnen fast zuvor und bin tief durchdrungen, ein paar Gedichte abgerechnet, von der Indifferenz des Geleisteten." So der über siebzigjährige Fontane zu Beginn der neunziger Jahre. Zwar hat er noch sieben Jahre und sieben Monate zu leben, und in dieser Zeit erst wird er jene Romane schreiben, durch die kurz vor "Buddenbrooks" der Anschluß an die Weltliteratur gelingt. Desungeachtet hat Fontane Grund, seine Erfahrung mit den Zeitgenossen zum "Summa summarum" eines späten Gedichtes zuzuspitzen, das endet: "Alles in allem, es war nicht viel."

          Da er aber ein scharfsichtiger Kritiker war, der nicht nur den bedeutenden Kollegen wie Storm, Keller und dem verwöhnten Heyse in die Karten sah, wußte er den Rang seiner späten Prosa durchaus einzuschätzen. Man darf also vermuten, daß er nicht nur ans Überleben einiger Gedichte geglaubt hat, sondern die Hoffnung auch den Romanen galt. Aber noch im achten Lebensjahrzehnt stand das Produzieren unter dem harten Diktat, fürs tägliche Brot schreiben zu müssen. Über die Schriftstellerei verlautet schon vom Fünfundsechzigjährigen: "Ich würde, wenn ich es könnte, es morgen aufgeben." Dreizehn Jahre später liegt auf dem Schreibtisch des unverhofft Dahingeschiedenen die Namenliste derer, denen ein Exemplar des "Stechlin" zugedacht war.

          Fontane starb am 20. September 1898. Im selben Jahr erschien zwar eine fünfte Auflage seiner Gedichte. Hätte er aber noch die Reaktion auf seinen letzten Roman erlebt, wäre dies wohl kaum ein Anlaß gewesen, als pessimistischen Irrtum zurückzunehmen, was er, anno 1889, Georg Friedlaender, dem Adressaten seiner späten Korrespondenz-Bekenntnisse, geschrieben hatte: daß ihm die kleinen Erfolge seines literarischen Lebens geradezu als ein Wunder erschienen. "Ich habe, ein paar über den Neid erhabene Kollegen abgerechnet, in meinem langen Leben nicht 50, vielleicht nicht 15 Personen kennengelernt, denen gegenüber ich das Gefühl gehabt hätte: ihnen dichterisch und literarisch wirklich etwas gewesen zu sein." Der Verkauf von lumpigen tausend Exemplaren sei Grund zum Erstaunen, hundert seien schon zuviel. "Und mehr als 100 werden auch wirklich aus dem Herzen heraus nicht gekauft, das andere ist Zufall, Reclame, Schwindel." Dennoch: das "Lebens-Resultat", so schlecht es sei, sei immer noch besser, als es eigentlich sein dürfte.

          Ein Jahrhundert später besteht auch für den passioniertesten Verehrer kein Anlaß mehr, die Fontane sogar postum noch lange verweigerte volle Anerkennung einzuklagen. Sein Denkmal steht inzwischen auf jener Höhe, die vom Ebbe-und-Flut-Wechsel des Literaturbetriebs nicht mehr berührt wird. Verwunderlich bleibt freilich, wie lange es dauerte, bis nicht nur eine Minderheit ihn so hoch plaziert hatte. Noch 1954 sah Thomas Mann, der sich schon 1910 enthusiastisch zu diesem seinem Vorläufer bekannt hatte, sich dazu gezwungen, die Rezension der wichtigsten Fontane-Publikation der fünfziger Jahre in der Zürcher "Weltwoche" mit der Bemerkung zu verknüpfen, er könne kaum hoffen, "im Schweizerland viel Neugierde" für die mit so langer Verspätung erst publizierten Briefe an Georg Friedlaender zu erringen. Schon in süddeutscher Sphäre verflüchtige sich fast völlig "die Empfänglichkeit für das Fontanische, die überhaupt und immer nur einem kleinen Kreise dafür Gestimmter angehörte".

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