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Rezension: Belletristik : Hummelhonig

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Torgny Lindgrens Roman als Vorabdruck in der F.A.Z.

          2 Min.

          Wenn man sehr weit in den europäischen Norden reist, scheint die Welt biblisch zu werden. Per Olov Enquist und Kerstin Ekman haben diese schwermütige, sonderbar pietistische Landschaft, die Schweigsamkeit zu provozieren scheint, aber ungewöhnlich beredte Bücher hervorbringt, in jüngster Zeit auch dem deutschen Publikum nahegebracht: Enquist mit der dunklen Parabel "Kapitän Nemos Bibliothek" und Ekman mit der existentialistischen Kriminalgeschichte "Geschehnisse am Wasser". Torgny Lindgren, ein Mitglied der Schwedischen Akademie, stammt aus derselben Gegend, und er hat sie nicht nur zu seinem literarischen Thema gemacht, sondern in mehreren Büchern mit der religiösen Überlieferung verknüpft. "Hummelhonig", in Schweden der sechzehnte Roman Torgny Lindgrens, ist eine Geschichte aus dieser Welt, eine Erzählung aus der Zwischenwelt zwischen Gleichnis und Kriminalroman. Sie erscheint ab heute als Fortsetzungsroman in dieser Zeitung.

          Eine Frau mittleren Alters, eine Schriftstellerin ohne Erfolg, kommt in eine Gemeinde in Nordschweden, um vor fünfzehn Zuhörern zu lesen. Sie liest schlecht, eintönig und mit schriller Stimme. An der Tür des Saales sitzt ein Alter. Er verschläft den Vortrag, wacht aber am Ende auf und erklärt der Vortragenden, er werde sie für die Nacht beherbergen. Sie folgt der Aufforderung, glaubt auch, der Alte vertrete die Veranstalter, und sie läßt sich von ihm zu einem einsam im Wald gelegenen Hof bringen. Am folgenden Morgen ist das Haus eingeschneit, die Straße unpassierbar geworden. Hierhin kommt der Schneepflug zuletzt. Am Ende bleibt die Schriftstellerin ein Jahr. Denn sie hat einen Auftrag. Ihr ist die Rolle des Christopherus zugefallen, über den sie ein Buch schreibt, aber kein Christus, um ihn ans andere Ufer zu tragen.

          Auf einem Nachbarhof, gerade noch in Sichtweite des Alten, wohnt der Bruder. Die beiden sind erbitterte Feinde, ein Dicker und ein Dünner, ein Zuckerfresser und ein Salzesser, Kain und Abel. Beide sind krank, sehr krank. Nur der Haß hat sie auf dem Weg vom Leben in den Tod aufgehalten, und eifersüchtig spähen sie zum Haus des anderen, ob denn noch der Rauch aus dem Schornstein steigt. Keiner ist dem anderen überlegen. Ihre Standpunkte wechseln, einer leiht dem anderen die Charakterzüge. Die Frau gerät zwischen die beiden. Sie wäscht, füttert, hilft und löst das Band der Zungen. Denn es gibt einen Grund für diese Feindschaft. Die Schriftstellerin aber ist kein Detektiv. Sie verrichtet ihre Taten mit einer sonderbaren Gleichgültigkeit, fast geistesabwesend. Sie ist nur ein zufälliger Gast, eine Erwählte, die in die Geschichte hineingerät und wieder hinaustritt. Dem Leser geht es anders. Er sammelt die Indizien und wird zum Kriminalisten.

          Torgny Lindgren hat ein Buch über das Böse geschrieben. Nicht über das große Böse, das sofort erkennbar ist, einen Namen trägt und vielleicht sogar bekämpft werden kann. Vielmehr über das kleine Böse, das es überall in der Welt gibt, weil man die Anstrengung nicht aufzubringen vermag, die das Gute verlangt. "Hummelhonig" spielt in der Gegenwart, und sie ist erkennbar. Es gibt ein Fernsehgerät, auch wenn es im Kartoffelacker vergraben liegt. Die Zeitung liegt jeden Tag im Briefkasten, auch wenn sie keiner liest. Diese Welt ist archaisch, so archaisch, daß sogar der Pflug wie ein Wesen aus der Mythologie daherkommt. Auch daran läßt sich der Ernst der Lage ermessen. THOMAS STEINFELD

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