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Rezension: Belletristik : Hühnchen, patriotische Art

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Immer schärfere Umrisse nimmt das Bild von Brasiliens Literatur auf der Netzhaut ihrer deutschen Leser an. Das klassische Dreigestirn, welches an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert dem modernen brasilianischen Roman zum ersten Mal internationalen Glanz verlieh, strahlt jetzt vollzählig: "Die nachträglichen Memoiren ...

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          Immer schärfere Umrisse nimmt das Bild von Brasiliens Literatur auf der Netzhaut ihrer deutschen Leser an. Das klassische Dreigestirn, welches an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert dem modernen brasilianischen Roman zum ersten Mal internationalen Glanz verlieh, strahlt jetzt vollzählig: "Die nachträglichen Memoiren des Brás Cubas" von Machado de Assis liegen schon seit den fünfziger Jahren auf deutsch vor, Euclides da Cunhas weit ausgreifender Romanessay "Krieg im Sertão" kam 1994 pünktlich zum Brasilien-Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse heraus, nun hat Berthold Zilly auch Afonso Henriques de Lima Barretos zuerst im Jahre 1911 als Fortsetzungsroman publiziertes Hauptwerk "Das traurige Ende des Policarpo Quaresma" mustergültig übersetzt und liebevoll kommentiert.

          Allerdings sei die geneigte Leserschaft gleich gewarnt: Wer sich von lateinamerikanischen Romanen vor allem epische Großtaten, eine üppig wuchernde Natur, finstere familiäre Verstrickungen, die erotischen Verlockungen stets williger Mulattinnen, fremdartige Zauberrituale oder andere beliebte Ingredienzien eines mittlerweile etwas in die Jahre gekommenen "magischen Realismus" verspricht, der wird bei Lima Barreto herb enttäuscht. Statt mit Samba, Condomblé und Karneval bekommen wir es mit Ärmelschonern, Aktenstaub und Vorstadtmief zu tun.

          Die Titelfigur des Romans scheint der Bürokratenwelt Gogols entsprungen. Nicht einmal ein echter Major ist der Major Policarpo Quaresma, sondern seines Zeichens bloß Unteramtmann im Heereszeugamt des Kriegsministeriums, aus dem er seit dreißig Jahren nach gewissenhafter Pflichterfüllung am Schreibtisch jeden Tag Punkt 16.15 Uhr in einen verschlafenen Vorort von Rio de Janeiro zurückkehrt, wo ihm seine altjüngferliche Schwester Adelaide das Essen bereitet. Wie soll so ein Pedant, dessen Pünktlichkeit dem "Auftreten eines Himmelskörpers, einer Sonnenfinsternis, eines mathematisch determinierten Phänomens" gleicht, schon zum Romanhelden taugen? Zumal da ihm außer seiner duldsamen Schwester keine Familie, ja nicht einmal eine Geliebte beigegeben ist und das wohlgeölte Uhrwerk seines Tagesablaufes nichts Unerwartetes verheißt? Ein Spleen muß also her, der ihn allmählich aus der Bahn treibt, damit sich etwas Unvorhergesehenes ereignen kann.

          Nun ist Policarpo Quaresma ohnehin keine Frohnatur, sondern ein echter Melancholiker - darauf macht uns bereits sein Name aufmerksam: Polykarp von Smyrna war ein Märtyrer des Glaubens, der im zweiten Jahrhundert nach Christus das unverfälschte Vermächtnis der Apostel zu bewahren suchte, und "quaresma" heißt auf deutsch nichts anderes als "Fastenzeit". Ironischerweise kann das griechische Adjektiv "polykarpos" mit "reich an Früchten" verdolmetscht werden. Selbstaufgabe und Enthaltsamkeit bestimmen die sterile Existenz von Policarpo Quaresma, das Eintreten für eine große Sache wird zu jenem traurigen Ende des Helden führen, welches sich bereits unheilschwanger im Romantitel ankündigt. Die einzigen Früchte, die sein Leben dann abgeworfen haben wird, sind Lesefrüchte. Diese sammelt er mit ähnlichem Eifer und ähnlich verheerenden Folgen ein wie seine europäischen Vorbilder Don Quijote und Emma Bovary, nur daß in seinem Kopf statt des mittelalterlichen Ritterideals oder der romantischen Liebe die nationale Größe Brasiliens herumspukt.

          Nach dem Sturz der Monarchie im Jahre 1889 hatten die brasilianischen Positivisten Auguste Comtes Motto "Ordnung und Fortschritt" auf die Flagge ihres Landes geschrieben. Für Ordnung sorgte bald das Militär, während der Fortschritt noch etwas auf sich warten ließ. Als echtes Kind des positivistischen Zeitalters ist Quaresma von einem autodidaktischen Furor beseelt. Lesend versucht er, das Wesen seines geliebten Vaterlandes zu ergründen, studiert in seiner Freizeit unermüdlich die alten Reiseberichte über die Entdeckung und Erschließung Brasiliens, die Beschreibungen der Naturschätze, die Kompendien der brasilianischen Geschichte, die Hauptwerke der Nationalliteratur. In der Kaffeepause sägt der Major gnadenlos an den Nerven seiner Kollegen und Untergebenen im Zeugamt, indem er sie über die Schönheit und Fruchtbarkeit ihrer Heimat belehrt; selbst die Wahl der Erbsensorte für die Beilage zum mittäglichen Hühnchen wird von patriotischen Rücksichten diktiert, damit kein ausländisches Gemüse auf den Tisch kommt. Ja, der respektable und musikalisch nicht im Übermaß begabte Major nimmt sogar Gitarrenunterricht bei dem fahrenden Sänger Ricardo Anderherz, um sich gewissenhaft die nationalen Klänge sentimentaler Balladen, die modinhas, anzueignen.

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