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Rezension: Belletristik : Huch, das ist ja ganz cyberhaft!

  • Aktualisiert am

Bild: Luchterhand Literaturverlag

Ulrike Draesner versteht es, das Erzählen bis über die Grenze der Pornographie zu treiben, um dann ihre Personen kalt zu betrachten.

          Wer in die Sterne schaut, sieht nichts als Vergangenheit, aber auch das vor Augen liegende Gegenwärtige kann sich Lichtjahre entfernen. Daß das Sichtbare dieser Welt den Menschen angeht, daß die intensive Wahrnehmung des bunten Lebens vermittelt, was zu wissen sich lohnt, ist die Hoffnung der Kunsthistorikerin und Photographin Aloe. Gegen ihre Absicht verliebt sie sich in den Astrophysiker Lukas, dem es um "Konstellationen, Verhältnisse und Wechselwirkungen" geht. Ihre Liebesgeschichte erzählt Ulrike Draesner als Drama der Sichtbarkeit, als Dialektik von Enthüllen und Verbergen der Körper.

          Der erste Liebesakt spielt sich dabei als synästhetisches Spektakel ab, in dem sich aber das Verhältnis von Nähe und Ferne des anderen im befindlichen Blick schon zeigt: "Sie geriet in eine blättrige, fluoreszierende Welt. Als grüner Widerschein rutschte Lukas von ihr. Er floh, wurde dunkel, verfärbte sich rasend schnell, ein Chamäleon, aufgestört in seinem Baum. Aloe lauschte auf etwas, einen Flügelschlag, ein Echo des Waldes, in dem sie eben noch gewesen waren. Doch das Grün, das sie sah, war nur der Widerschein der Lampe im Flur." Einsamkeit, Verlassenheit und Traurigkeit begreift sie bald aus der Phänomenologie der Liebe selbst. Aber Wahrnehmung und Verstehen der eigenen Geschichte sind je schon miteinander verknüpft.

          Nicht nur die moderne Naturwissenschaft, auch die Kunst hat es mit dem Unsichtbaren zu tun, und jede Geschichte entsteht aus dem Unerzählten und Verschwiegenen. Aloe und Lukas wissen zunächst nur altklug, daß sie "Erben" sind. Das Wort Mitgift hat für Aloe von vornherein ambivalente Leuchtkraft, aber woher ihre Enttäuschung rührt, weiß sie noch nicht. Mit der gleichen Intensität, mit der sie die Verschmelzung und Nähe gesucht hat, verlegt sie sich darauf, sich in ein Neutrum zu verwandeln. Das akribische Protokoll ihrer Magersucht bis zum Zusammenbruch wird sich im nachhinein als eine Geschichte versäumter Selbstwerdung und verweigerten Erzählens erweisen.

          Aloe hat ein Familiengeheimnis inszeniert, indem sie sich ihrer schönen Schwester anverwandelte, die zur Scham ihrer Eltern als Hermaphrodit zur Welt kam. Schon diese Familiengeschichte aber war das Drama wechselseitig verfehlter Wahrnehmung. Doch vermeidet Aloe nach ihrer Gesundung durch "essen und reden" weiterhin den Kontakt mit der Schwester, setzt sich statt dessen mit dem Verhältnis des sichtbaren zum unsichtbaren Körper lediglich ästhetisch und theoretisch auseinander.

          Die modernen Menschen Aloe und Lukas greifen dann zum ältesten Mittel der Stabilisierung einer Liebe. Aloe wird schwanger, aber auch das scheint verstrickt in die Mitgift, bezogen auf das, was im Garten der Kindheit vergraben wurde. Ihre medizinisch behandelte Schwester hat ein Kind schon zur Welt gebracht, noch einmal versucht Aloe ihr nachzukommen. Das Kind aber stirbt im Mutterleib, und die Liebe kann nicht sichtbar werden. Um so mehr ist Aloe auf den Boden ihrer Vergangenheit und ihre Schwester zurückverwiesen. "Ständig hatte sie das Gefühl, sie müsse dorthin laufen, wo die Frage herkam, um die Antwort auszubuddeln wie einen Knochen." Der Astronom aber kann nicht mehr oder will nicht mehr und flieht "auf leichten Füßen" ins Planetarium nach Chile, um in die Weltzeit zu blicken.

          Aloe aber lernt nun Lebenszeit, der Sache und ihrer Schwester "ins Auge zu sehen". Die aber hat sich inzwischen entschlossen, die gesellschaftlich aufgedrängte Identität wieder abzustreifen: "Doch mir geht es gar nicht darum zurückzukehren. Ich kenne das auch alles, die neuen Authentizitätsauffassungen und Körpertheorien, Butler, Foucault, den ganzen postmodernen Auf- und Abwasch. Soll die Theorie sich nur in ihren Schleifen drehen, das macht ja Spaß, für sich genommen. Aber mir geht es ganz einfach um mein alltägliches Leben." Bevor die Schwester ihre Absichten verwirklichen kann, nimmt die Geschichte allerdings eine wenig alltägliche, etwas kolportagehafte Wendung, die dem Begriff der Mitgift die letzte Bedeutungsvariante abverlangt. Dieses leibhaftige Erbe kann Aloe nun endlich ohne Zögern annehmen, und vielleicht hat auch der Sternenforscher inzwischen etwas über Nähe gelernt.

          Ulrike Draesner zeigt sich in ihrem zweiten Roman als Meisterin der Perspektiven und Blickwechsel. Sie versteht es, das sinnliche Erzählen bis über die Grenze der Pornographie und des gefühligen Kitschs zu treiben, um dann wieder ihre Personen kalt zu betrachten wie Versuchstiere im Glaskasten. Das Beschriebene ist dabei bis an den Rand der Überfrachtung wahrnehmungstheoretisch reflektiert. Die Liebe ist in diesem cyberfeministischen Roman ein Gefühl, ein symbolisch generalisierendes Kommunikationsmedium, eine graphische Struktur oder ein Hormongestöber. Ulrike Draesner hat eine Kunstsprache zur Perfektion entwickelt, die nichts verschmäht, was die Informationsgesellschaft zu bieten hat. Jugendsprache, Werbesprüche, Vulgärpsychologie, postmoderne Theorie, Großmuttersentenzen und Technologiejargon vereinigen sich zu einem ganz eigenen Idiom, das die Widersprüche der modernen Welt schneidend, lustvoll und oft witzig erscheinen läßt. Und doch stellt sich irgendwann bei der Lektüre durch die Cybersprache hindurch der Eindruck altmodischer Lebensklugkeit und Warmherzigkeit ein. FRIEDMAR APEL

          Ulrike Draesner: "Mitgift". Roman. Luchterhand Literaturverlag, München 2002. 378 S., geb., 22,50 .

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