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Rezension: Belletristik : Honecker heißt jetzt Aietes

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Aber Medea wird verteufelt human: Christa Wolf schreibt den Mythos neu · Von Manfred Fuhrmann

          7 Min.

          Die griechischen Mythen dürfen umerzählt werden: Davon leben sie, davon haben sie ihre leuchtenden Spuren die Jahrtausende hindurch hinterlassen. Christa Wolfs neue "Medea" befolgt dieses Prinzip, sie befolgt es so entschieden, daß sie sich gründlich von ihren etwa zweihundert Vorgängerinnen unterscheidet: Aus der bösen Zauberin und Verbrecherin, aus der Mörderin ihrer eigenen Kinder ist eine makellose, fast möchte man sagen "verteufelt humane" Heldin geworden.

          Aristoteles hätte Bedenken geäußert (er gilt auf diesem Felde noch stets als Autorität): Er erlaubte Veränderungen, aber nicht die Verkehrung eines Mythos in sein Gegenteil. Er meinte in seiner "Poetik", daß man die altüberlieferten Fabeln nicht "auflösen" dürfe: Klytämnestra müsse durch die Hand Orests sterben. Man könnte hiergegen einwenden, daß Medeas ärgste Tat, die Ermordung der beiden Söhne, gar nicht "altüberliefert" sei: Wir wissen, daß erst Euripides diesen Zug erfunden hat; in der ursprünglichen Fassung hatten die Leute des Königs von Korinth die Kinder umgebracht. Was Euripides knüpfte, darf ein Nachfolger wieder lösen, und vor allem: In der Kunst beweist das Ergebnis, ob etwas erlaubt ist oder nicht. Die neue Version gewinnt der vielverwendeten Geschichte mit verblüffend einfachen Mitteln unerwarteten Glanz ab. Der Roman destruiert das traditionelle Medea-Bild und baut zugleich Stück für Stück ein anderes auf: nicht durch Beiseiteschieben der Tradition, sondern durch deren Umdeutung. Die neue Version mag den alten Mythos ins Gegenteil verkehren, sie tut dies jedoch, indem sie zugleich ein hinlängliches Maß an Kontinuität wahrt. Die verwandelte Medea ist immer noch Medea.

          Jason fordert von seinem Onkel Pelias die ihm von Rechts wegen zustehende Herrschaft über Jolkos. Pelias erklärt sich bereit abzutreten, wenn Jason ihm das Goldene Vlies bringe, das Fell eines Widders, das im fernen Kolchis am Ostufer des Schwarzen Meeres bewahrt wird. So kommt es zur Expedition der Argo, für die Jason fünfzig Helden zu gewinnen vermag. Nach mancherlei Zwischenfällen am Ziel angelangt, bittet er den dortigen König um das Fell - und sieht sich vor weitere Hindernisse gestellt: Er muß mit feuerschnaubenden Stieren pflügen und gegen Männer kämpfen, die aus Drachenzähnen hervorgegangen sind. Hier beginnt der Part der Königstochter Medea: Sie verliebt sich in Jason und hilft ihm mit ihren Zauberkünsten, die Hindernisse zu überwinden, auch den Drachen, der das Fell bewacht.

          Die Argonauten fliehen mit Medea und deren Bruder Absyrtos. Um die sie verfolgenden Kolcher aufzuhalten, tötet Medea den Bruder und wirft die Leiche stückweise ins Meer: Die Verfolger verlieren Zeit durch das Einsammeln. Wieder in Jolkos, wird Jason enttäuscht: Pelias denkt nicht daran, vom Throne zu weichen. Jason und Medea finden Zuflucht in Korinth; aus ihrem Bunde gehen zwei Knaben hervor. Dann aber verläßt Jason seine Frau, um Glauke, die Tochter des Königs von Korinth, zu heiraten. Medea, des Landes verwiesen, rächt sich zuvor noch furchtbar: Ein giftiges Gewand vernichtet Glauke, und die Knaben werden von der Mutter mit eigener Hand umgebracht.

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