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Rezension: Belletristik : Hölle, Hölle, Hölle

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Wer, in Gottes Namen, soll so etwas lesen: Eine akribisch mit Datum, Ort und laufender Nummer versehene Reihe von Selbstdarstellungen ekliger, gemeiner oder einfach nur perverser Machos, die mit ihren sexuellen Eroberungen prahlen oder den totalen Durchblick in der Verwandlung ihrer Partnerinnen in hörige Sklaven zur Schau stellen.

          Wer, in Gottes Namen, soll so etwas lesen: Eine akribisch mit Datum, Ort und laufender Nummer versehene Reihe von Selbstdarstellungen ekliger, gemeiner oder einfach nur perverser Machos, die mit ihren sexuellen Eroberungen prahlen oder den totalen Durchblick in der Verwandlung ihrer Partnerinnen in hörige Sklaven zur Schau stellen. Oder das quälend detaillierte Protokoll einer "depressiven Person", die vergeblich ihre traumatische Erinnerung daran zu verarbeiten versucht, wie ihre geschiedenen Eltern einst über die Kosten ihrer Zahnspange stritten, und deren Therapeutin schließlich Selbstmord begeht. Oder eine hundertachtzigseitige Reportage über eine Luxuskreuzfahrt in der Karibik, die, mit insgesamt 136 Fußnoten, kein noch so unappetitliches Detail über das hochmoderne "Unterdruck-Abwasser-System" oder die Stadien der Seekrankheit ausspart. Wer so etwas lesen soll? Jeder, der sich von Literatur noch altmodisch-modern Erkenntnis verspricht, für den Ästhetik auch mit Widerstand gegen die Verführungen der Konsumsphäre zu tun hat. Jeder, für den in Kunstdingen Anstrengung und Unterhaltung keine Gegensätze sind, soll David Foster Wallace lesen.

          Bisher lag von Foster Wallace, geboren 1962, daheim auf dem Land in Illinois, in deutscher Sprache nur ein schmaler Band mit fünf Erzählungen vor. "Kleines Mädchen mit komischen Haaren" erschien im vergangenen Jahr, mehr als ein Jahrzehnt nach dem Original, und bot nicht mehr als einen Appetitanreger auf dieses Werk. Nach "The Broom of the System" war es der 1996 erschienene, weit über tausend Seiten starke Roman "Infinite Jest", der seinen Ruf als eines der schwierigsten, sperrigsten, aber zugleich sprachmächtigsten und komischsten Autoren seiner Generation begründete. Wenn Harold Brodkeys "Flüchtige Seele" die "Recherche" der Gegenwartsliteratur ist, dann ist "Infinite Jest" ihr "Mann ohne Eigenschaften" - eine sich schier ins Unendliche verschachtelnde Enzyklopädie der westlichen Zivilisation, eine gleichermaßen hyperrealistische und phantastische Tour de Force durch die Abgründe einer von tödlichen Süchten zerfressenen Menschheit.

          Nun erscheinen dieser Tage gleich zwei Bücher von Foster Wallace auf deutsch, und obwohl auch sie zunächst wie Nebenwerke erscheinen könnten, handelt es sich um einen Glücksfall. Denn endlich kann man hierzulande einen umfassenden Eindruck gewinnen von der Vielfalt der Tonfälle und Register dieses Autors, von seiner Manie und seinen Obsessionen, die in Wahrheit die unserer Kultur sind. Vielleicht hat es sogar seine tiefere Logik, sich von den Rändern zu nähern, steht doch das Entscheidende meist im Kleingedruckten - "Infinite Jest" enthält über hundert Seiten enggedruckte Anmerkungen, die oft die Erzählung erst verständlich machen.

          In der im neuen Mare Buchverlag von Denis Scheck betreuten Reihe "mare bibliothek" liegt nun ein Essay vor, der erstmals 1996, also im selben Jahr wie "Infinite Jest", im "Harper's Magazine" erschien. Foster Wallace wurde von der Redaktion eingeladen, an einer "Seven-Night-Caribbean" oder kurz "7NC"-Cruise teilzunehmen. Der gerade der Last seines Hauptwerks frisch entronnene Autor warf sich auf diesen Auftrag mit vergleichbarer manischer Ernsthaftigkeit. Entstanden ist ein Meisterstück der literarischen Reportage, bis ins kleinste nautische und gruppenpsychologische Detail recherchiert. Foster Wallace unternimmt eine Art Selbstversuch, den er von der Einschiffung bis zum letzten peinlichen Bord-Dinner protokolliert: Die genaue Abbildung eines Mikrokosmos ergibt eine Parabel des Western way of life. Vieles spricht dafür, daß Jonathan Franzen sich für die furiose Kreuzfahrt-Episode in den "Korrekturen" von dieser Reportage seines Generationsgenossen inspirieren ließ.

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