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Rezension: Belletristik : Hinter mir, da gilt es nicht

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Trezza Azzopardi liebt Versteckspiele · Von Heinz Ludwig Arnold

          4 Min.

          Von Trezza Azzopardi, die mit ihrem ersten Roman in England so großen Erfolg hatte, daß er bereits vor seinem Erscheinen im vergangenen Jahr in acht Länder verkauft wurde, weiß man wenig: daß sie einen maltesischen Vater und eine walisische Mutter hat, knapp vierzig Jahre alt ist und ihre Kindheit zusammen mit fünf Schwestern in Cardiff verbrachte. Nun lebt sie in Norwich, wo sie vor einigen Jahren an der University of East Anglia creative-writing-Kurse belegt hat. Dort wurde sie entdeckt mit einem Manuskript, das nun unter dem Titel "Das Versteck" auch auf deutsch erschienen ist.

          Was für ein ungewöhnliches und von Anfang an faszinierendes Buch! Es etabliert bereits auf den ersten beiden Seiten ein farbiges Ambiente und erzeugt eine aufgeregte, gespannte Atmosphäre, es malt Stimmungen mit vielen, auch extremen Nuancierungen. Und das alles wird getragen von einer Erzählweise, die gleichbleibend distanziert wirkt und keine Veränderung durchläuft zwischen der erinnerten Zeit der sechziger Jahre und der Gegenwart, aus der zurückgeblickt wird.

          Nach über dreißig Jahren kommt Dolores Gauci nach Cardiff zurück, um mit ihren Geschwistern ihre walisische Mutter Mary zu begraben, die damals in den Wahnsinn floh, nachdem der maltesische Vater Frankie sich abgesetzt hatte. Obwohl Trezza Azzopardi altbekannte narrative Muster zu erfüllen scheint, hält sie sich an keines wirklich. Sie verfügt souverän über ihren Stoff, den sie konsequent entfaltet, obwohl sie unentwegt die Schauplätze wechselt und immer wieder auch aus der weit zurückliegenden Geschichte ihrer Protagonisten erzählt: wie Frankie Gauci aus Malta nach Cardiff kommt und zum Gauner wird; wie Mary dem tyrannischen Vater entflieht; wie beide sich treffen und heiraten.

          Fast alles läßt Azzopardi in Ich-Form von Dolores erzählen, dem jüngsten der sechs Mädchen in der Familie Gauci, die aber auch das berichtet, was sich vor ihrer Geburt zugetragen hat und was dort geschieht, wo sie nicht anwesend ist. Azzopardi, die klassische allwissende Erzählerin, entwickelt ihre Geschichte kühl und genau kalkulierend. Sie beginnt ihren Roman nicht klassisch-konventionell mit der Rückkehr der Töchter und der Beerdigung der Mutter, um von daher zurückzublicken - dieser, spätere, in der Gegenwart spielende Part macht den zweiten, kürzeren Teil des Romans aus. Es wird also zwar erinnert, aber nicht erinnernd erzählt. Von seinem Beginn an, dem unmittelbaren Sprung mitten ins atmosphärische Ambiente, bietet der ganze Roman eine Folge von gut gesetzten short cuts, die scheinbar beliebig und willkürlich zwischen unterschiedlichen Zeiten und Orten wechseln, tatsächlich aber ein genau durchdachtes Erzählpuzzle ergeben, das zunehmend komplexer wird.

          Das schon lange schwelende Elend der Ehe von Frankie und Mary bricht auf, als Mary nach ihren bis dahin fünf Töchtern Celesta, Marina, Rosaria, Francesca und Luca nun auch noch Dolores zur Welt bringt. Denn Frankie, so läßt uns die soeben geborene Tochter später wissen, "der bei seinen Freunden Frankie Bambina heißt", will unbedingt einen Sohn. Während Frankie, der auf alles wettet, was sich bewegt, wieder einmal am Spieltisch sitzt, wird ihm gleich nach der Geburt seiner sechsten Tochter fälschlich mitgeteilt, nun endlich habe er einen Sohn, und er "nimmt in unbändiger Freude noch eine Karte und verliert das Café, den Schuhkarton unter den Dielen voller dicker Scheine, den Rubinring seines Vaters und das weiße Spitzenkleid meiner Mutter an Joe Medora", seinen alten Kumpel.

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