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Rezension: Belletristik : Hindernis im Abfahrtslauf

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Schön, unaufdringlich, leise. Eine vergleichbare poetische Eindringlichkeit und sprachliche Intensität wie etwa bei Jenny Erpenbeck, Judith Hermann oder Antje Rávic Strubel gab es schon lange nicht mehr. Mit relativ schlichten Mitteln schaffen sie und ihresgleichen Welten, in denen wenig geredet, dafür aber sehr genau und vielfältig wahrgenommen wird.

          Schön, unaufdringlich, leise. Eine vergleichbare poetische Eindringlichkeit und sprachliche Intensität wie etwa bei Jenny Erpenbeck, Judith Hermann oder Antje Rávic Strubel gab es schon lange nicht mehr. Mit relativ schlichten Mitteln schaffen sie und ihresgleichen Welten, in denen wenig geredet, dafür aber sehr genau und vielfältig wahrgenommen wird. Welten, die eher kühl und verhalten wirken, dem Leser aber jeden Raum für Phantasie und Enträtselung bieten. Hier bleibt man unbehelligt von moralischer Belehrung oder postmoderner Verwirrung, hat aber Aussicht auf Tiefgang.

          Einige Monate nach ihrem ersten Roman "Offene Blende" (F.A.Z. vom 1. September 2001) und dem in Klagenfurt errungenen Ernst-Willner Preis ist Strubel schon wieder präsent. Statt nach New York sind die Grenzgänge zwischen Ost und West diesmal in einen kleinen tschechischen Skiort verlagert. In Harrachow, keine dreißig Kilometer südlich von Bautzen, sind auch im zehnten Winter nach der Wende die Unterschiede zwischen "damals", "früher" und "heute" allen bewußt. So hat früher nie jemand die Haustür in der Pension Beran abgeschlossen. Und vor achtundzwanzig Jahren, als Herr Beran starb, gab es noch gar keine Skipisten. Die Hubschrauber kreisten damals für den Grenzschutz statt für die Bergwacht am Himmel. Das war noch vor der Zeit Adinas, die sich jetzt als Teenagerin in den virtuellen Chatrooms Rios tummeln kann. Früher wurde auch das Hotel "Zlatá Vyhlidka" seinem Namen noch gerecht. Da war es eine "Goldene Aussicht", nicht nur für Gauner wie Pavel und Ivan, die sich jetzt durch Steuerbetrug eine goldene Nase verdienen. Nur im Postamt hat sich nichts geändert. Briefe werden hier wie eh und je gegen das Licht gehalten und die Postkarten der Touristen mit größtem Interesse gelesen.

          Diese und weitere Figuren lenken den Blick des Lesers auf zwei Frauen, die im Mittelpunkt einer Folge von dreizehn Episoden stehen. Manche erzählen sie selbst, in anderen werden sie zu Objekten perspektivischer Beobachtung. Auch diese höchst gegensätzlichen Frauen kennen verschiedene Grade eines "früher" und "heute", eines davor und danach. Dabei überlagert die Herkunft aus Ost und West atmosphärisch die jüngere Vergangenheit ihrer zweijährigen Fernbeziehung ebenso wie die Gegenwart des einwöchigen Skiurlaubs in Harrachow. So verbinden sich zwei Lebensgeschichten zu einer problematischen Liebe, in der "die eine immer etwas anderes will als die andere". Der Reiz dieser Konstruktion besteht in der Behutsamkeit, mit der solche Differenzen weder auf die unterschiedlichen Biographien allein zurückgeführt noch völlig von ihnen abgetrennt werden. Strubel bildet mit diesem zweiten Versuch, deutsch-deutsche Lebenswelten literarisch zu durchdringen, eine erstaunliche Ausnahme in ihrer Generation.

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