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Rezension: Belletristik : Helden des Vormarschs

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Englische und andere Patienten: Über Michael Ondaatje

          5 Min.

          Das Verhältnis zwischen einem Roman und seiner Verfilmung läßt sich ästhetisch, medientheoretisch, kulturkritisch oder misanthropisch abhandeln. Am deutlichsten aber drückt es sich ökonomisch aus: Rund 40000 Exemplare verkaufte der Hanser Verlag von Michael Ondaatjes Roman "Der englische Patient" von der Veröffentlichung im Herbst 1993 bis zum Start des gleichnamigen Films von Anthony Minghella im Februar 1997. Vierzigtausend Stück in mehr als drei Jahren, das ist kein Bestseller, aber für gute Literatur ziemlich ordentlich.

          Dann kam der Film. Die Bilder des romantischen Wüstendramas prägen seit Wochen das Straßenbild. In Amerika hatte es begeisterte Kritiken gegeben, in Berlin bekam Juliette Binoche für ihre Rolle einen Silbernen Bären, vorletzten Monat kamen neun Oscars dazu, und innerhalb weniger Wochen waren weitere hunderttausend Stück der gebundenen Ausgabe verkauft. Pünktlich zum Filmstart erschien der Roman bei dtv, und die Farben auf dem Cover signalisieren: "Vom Wüstenwind verweht". Binnen kurzem war der Verkauf des Paperbacks auf über 200000 Stück geklettert. Auch in anderen europäischen Ländern steht Ondaatjes Roman wieder auf der Bestsellerliste.

          Was hier mit der Taschenbuchausgabe geschehen ist, heißt im Branchenjargon "movie tie-in". Die Wortschöpfung verrät, wo die Prioritäten liegen. Dabei spielt das ästhetische Verhältnis von Vorlage und Verfilmung erst einmal keine Rolle; das gedruckte Wort ist Material, brauchbar nur als Knetmasse in den Händen des Regisseurs. Gleichgültig ist also auch, ob es sich beim Buch um ein nachträglich zusammengeschustertes Auftragswerk handelt, eine sogenannte "novelization", die das Drehbuch in die Sprache von Gebrauchsanweisungen zurückübersetzt, oder um einen möglicherweise sperrigen Originaltext, der dem Drehbuch ursprünglich zugrunde lag.

          Der Roman "Der englische Patient" des 1943 geborenen Michael Ondaatje ist allerdings ein Sonderfall. Die Bücher dieses Autors holländisch-tamilisch-singhalesischer Abstammung, der in England zur Schule ging und mit neunzehn Jahren nach Kanada zog, wo er heute Literatur lehrt, galten bisher nämlich als unverfilmbar. Der Grund ist, daß sie selbst so erkennbar "filmisch" operieren: Sie zerlegen die Story in Kleinteile, in gefrorene Bilder und zum Grübeln einladende snapshots. Ondaatje bevorzugt kurze Absätze, schnelle Szenenwechsel, das sprachliche Äquivalent von fade-ins und fade-outs. Daß er nebenbei Gedichte schreibt, merkt man seinen Romanen an. Denn auch in der langen Form denkt er lyrisch und gibt der Zeichnung des Augenblicks immer Vorrang vor dem dicken Stift, der die Handlungslinien zieht. Das Sitten- oder Historiengemälde im Stil des neunzehnten Jahrhunderts, das in den Büchern der letzten Jahre wieder Konjunktur hat, wäre bei Ondaatje undenkbar.

          Das ist bemerkenswert, weil sich jeder seiner drei Romane (von denen der erste überhaupt keine Gattungsbezeichnung trägt) auf zahlreiche historische Werke und stattliches dokumentarisches Material beruft. Ondaatjes frühestes Erzählwerk (davor liegt manches an Lyrik sowie der lyrisch-erzählerische Band "The Collected Works of Billy the Kid") trägt den rätselhaften Titel "Coming through Slaughter" (1976), den die deutsche Fassung von 1995 mit "Buddy Boldens Blues" unnötig verdeutlicht. Gestützt auf die Erinnerung von Zeitgenossen, auf Memoiren und Fotos, erzählt und imaginiert Ondaatje das Leben des Kornettisten Charles "Buddy" Bolden, eines Gründervaters des Jazz, der in seiner kurzen Karriere in New Orleans mehrere Bands ins Leben rief und 1907, das Kornett in der Hand, bei einem Umzug zusammenbrach. Den Rest seines Lebens verbrachte Bolden, als Paranoiker geführt, im East Louisiana State Hospital, wo er 1931 starb.

          "Coming through Slaughter" ist ein Dokumentarroman, die freie Deutung einer Künstlerexistenz, von der es kaum noch verläßliche Spuren gibt. Die wichtigste Spur führt ins Nichts: Buddy Bolden, der berühmteste Jazzmusiker seiner Zeit, hat in seinem ganzen Leben keine einzige Schallplatte aufgenommen. Er arbeitete als Friseur, sammelte Klatschgeschichten für die Lokalzeitung und spielte seine Musik bei Familienfesten, Hochzeiten und Todesfällen. Ondaatje interpretiert Boldens Kornettspiel als Suche nach Kontrollverlust und Entgrenzung. Wie Kunst und Wahnsinn bei seiner Figur, so laufen beim Autor Fiktion und Faktentreue wie Wasserfarben ineinander.

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