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Rezension: Belletristik : Hat so kleine Murmeln

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Philosophiert gerne im Spielzeugformat: Chiara Zocchis "Olga"

          Kindermund tut besonders wertbeständige Wahrheiten kund, wenn ein ausgewachsener Schriftsteller durch ihn spricht. Der Charme fingierter Infantilität kann eine jenseits des Jugendalters gereifte Lebensphilosophie unwiderstehlich machen; Saint-Exupérys "Petit Prince" ist dafür wohl das populärste Beispiel.

          Bei "Olga" aus Italien haben wir es mit einer vertrackteren Konstruktion zu tun. Chiara Zocchi, Jahrgang 1977, notierte als achtzehnjährige Schülerin den Anfang des kleinen Romans und wurde von einem Lehrer mit Talentspürnase zum Weiterschreiben ermutigt. Ihre Ich-Heldin wiederum, deren Blick auf die Welt die stets übertreibungsfreudige italienische Kritik von einer neuen "Zazie in der Metro" schwärmen ließ, soll gerade zehn sein. Wo hier die Grenze zwischen naiver Natürlichkeit und kalkulierter Kleinmädchenpose verläuft, ist schwer auszumachen, vom eventuellen Anteil des Mentors einmal abgesehen. Olgas Einfälle und Beobachtungen passen besser zu einer empfindsamen Heranwachsenden als zu einer Zehnjährigen, sind aber mit Kinderseelen-Bonus offenbar leichter unter die Leute zu bringen.

          Denkt man sich alles Niedliche und Verspielte weg, legt sich die Tristesse des Vorstadtmilieus, in dem das Mädchen Olga seine Jugend verbringt, nachhaltig aufs Gemüt. Wenn Chiara Zocchi anfangs in knappen Sätzen die "ohrenbetäubende Stille" eines von Wutgebrüll beherrschten Familienlebens schildert, vermag diese spröde Berichterstattung mehr zu berühren als frühweise Sentenzen und altkluge Aperçus. Als der Vater im Knast landet und der drogensüchtige Bruder stirbt, heißt es mit kaum zu überbietender Lakonie: "Bei mir zu Hause sind ich und Mama, plus mein Vater, der im Gefängnis ist, minus mein Bruder, der tot ist." Die simple Rechnung geht zu Herzen, während Klein-Olgas Betrachtungen über Engel, glückliche Prinzen, böse und gute Menschen eher auf die Tränendrüsen drücken.

          Die sanftmütig leidende Mama findet Trost bei einem Mann mit Schnurrbart, aber der ist verheiratet und letzten Endes nicht abkömmlich. Der Nachbarjunge Franco, dem Olga in einem Versteck unter der Treppe ihre Träume und Kümmernisse anvertraut, zieht in eine andere Stadt. Zum Glück bleibt ihr der Postbote Ugo, mit dem sie über Gott und die Welt philosophiert, wenn sie nicht gerade die frommen Unterweisungen des Priesters Don Vittorio oder Mamas liebevolle Leitsprüche in ihrem Kopf bewegt. Auch begegnet sie bei Streifzügen durch das Wohnviertel mehr oder weniger problembeladenen Existenzen, denen sie ihre zwischen Pragmatismus und Esoterik changierenden Einsichten mitteilt. Die poetischsten, die geradewegs aus Saint-Exupérys Wüste importiert sein könnten, hält sie für den Leser fest: "Wenn ein Kind von einer Brücke aus einen Stein ins Meer wirft, kannst du dich glücklich fühlen wie das Kind, oder groß wie das Meer, oder wichtig wie die Brücke, oder vergänglich wie die Kringel, die auf dem Wasser entstehen. Ich fühlte mich am ersten Tag ohne Franco wie der Stein." Aber wer baut eigentlich Brücken über das Meer?

          Fernsehen und Warenwelt, die den Alltag italienischer Jugendlicher heute mehr als alles andere bestimmen, tauchen nur am Rande auf. Dafür erscheint ein geheimnisvoller kleiner Mann, der Olga verrät, "daß das Seiende nicht gleichzeitig sein und nicht sein kann", und der seinerseits von der jungen Grüblerin erfährt, "daß die Fragen wie Murmeln in unserem Kopf herumrollen, daß sie von links nach rechts kullern, wenn wir uns bewegen". Ein hübsches Bild für ein Buch, in dem pausenlos die letzten Dinge verhandelt werden, aber im Spielzeugformat. Auch wenn man streckenweise glaubt, die Urenkelversion von Susanna Tamaros herzigem Großmutter-Traktat vor sich zu haben, beweist Chiara Zocchi in ihrem Debüt, daß sie über Witz, Anmut und Originalität verfügt. Ihr zweites Buch soll in Arbeit sein. Wie tragfähig ihre Begabung ist, wird sich zeigen, wenn sie die Kinderperspektive aufgibt und ihren skeptisch-unschuldigen Erzählton an altersgemäßen Realitäten erprobt. KRISTINA MAIDT-ZINKE

          Chiara Zocchi: "Olga". Roman. Aus dem Italienischen übersetzt von Anja Nattefort. Malik Verlag, München 1997. 160 S., geb., 32,- DM.

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