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Rezension: Belletristik : Hast Du einen Opa, schick ihn nach Europa

  • Aktualisiert am

Tim Parks Brüssel-Roman Von Gernot Kramper

          Tim Parks neuer Roman erzählt von der Reise eines Lektors an der Universität von Mailand in ein Europa der Mittelmäßigkeit und des Überdrusses. Jeremy Marlow heißt der Mann am Rande des Nervenzusammenbruchs. Seit zwölf Jahren verachtet er seine Arbeit, haßt seine Frau, die ihn mit ihrem Reinlichkeitswahn quält, und neuerdings verdächtigt er seine Tochter, eine lesbische Beziehung zu seiner Exgeliebten zu unterhalten.

          Der Roman umfaßt die zwei langen Tage der Busreise von Mailand nach Brüssel. Eine Abordnung von ausländischen Lektoren an italienischen Universitäten, meist angegraute und gescheiterte Intellektuelle in attraktiver studentischer Begleitung, wollen das europäische Parlament mit einer windigen Petition auf ein angebliches Unrecht hinweisen, das den Lektoren durch ihre Arbeitsverträge zugefügt wird. Jeremy Marlow schwelgt: "Ich verabscheue Reisebusse, ganz besonders verabscheue ich moderne Reisebusse", bevor er die Geschichte seiner verflossenen "amour fou" auf dem Rücksitz ausbreitet. Jeremy Marlow sind selbst seine Sprachkenntnisse wenig Grund zur Freude. Ehemals schob er gute Gedichte aus fremder Feder der Geliebten als eigene Werke unter, nun entsinnt er sich der vernichtenden Beschimpfungen der Exgeliebten auf Englisch, obgleich sie einst in französischer Sprache zum egomordenden Dolchstoß ansetzte.

          Parks skizziert ein Europa, das auf die Vorteile geschrumpft ist, die man aus der Gemeinschaft herauszuholen hofft. Die internationalen Lektoren üben sich im polyglotten Schnorrertum. Was der Industrie längst recht ist, kann modernen Angestellten nur billig sein. Gelegentliche Ferien im Vaterland verdanken sich allein der Tatsache, daß der britische National Health Service seine Lesebrillen nach wie vor umsonst ausgibt. Kein Weg ist zu weit, um eine Subvention herauszuschlagen. Aus den Reisenden spricht die Zukunft des europäischen Angestellten. Internationale Tätigkeit, übernationale Ehen und multinationale literarische, historische Bildung verbinden sich zu einem bitteren kosmopolitischen Cocktail. Mit seinen Beobachtungen in "Italienische Nachbarn" und "Italienische Verhältnisse" stellte Tim Parks seinen scharfsinnigen Blick auf das italienische Alltagsleben unter Beweis. Auch im Milieu seines neuen Buches kennt Parks sich aus, schließlich lehrt er Englisch an der Universität von Verona.

          Die Lektoren nennen den Bus nur die "Bumskutsche". Weibliche Mitreisende werden in das männliche Utilitätsraster von hübsch oder reizlos einsortiert. Eine angestrebte universitäre Karriere ist bei den Lektoren in billigen Triumphen bei namenlosen Studentinnen, genannt die "Tussis", versandet. Ihre Demonstration vor dem Parlamentsausschuß enthüllt sich als schmierige Parallelaktion, die neben dem beruflichen Lobbyismus der Frischzellenkur dank neuer Studentinnen dient. Eine ätzende Metapher für ein in die Jahre gekommenes Europa, in dem die Früchte der Gemeinschaft achtlos konsumiert werden wie die "Tussis" im Roman.

          Da keine Niederung mickriger Männlichkeit ausgelassen wird, bleibt Marlow ein sympathischer Zeitgenosse. Seine Existenz im Wartesaal des Lebens räumt unterhaltsam mit dem Irrglauben auf, politische Unkorrektheit müßte ins pralle Leben führen. Am Ende erzwingt ein Toter aus der Reisegesellschaft die Katharsis. Seine Zukunft wird Jeremy Marlow erfolgreich mit den Mitteln der Vergangenheit gestalten. Die Übersetzung des Buches wurde von der Europäischen Gemeinschaft unterstützt.

          Tim Parks: "Europa". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Ulrike Becker und Claus Varrelmann. Kunstmann Verlag, München 1998. 302 S., geb., 39,80 DM.

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