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Rezension: Belletristik : Harte Brocken

  • Aktualisiert am
          4 Min.

          Postkarten schreibt man über dem Herzen hin. Vielleicht werden sie hinter den Spiegel gesteckt. Dann werden sie vergessen. So wie die Postkarte einen Moment lang glänzt und eine Ewigkeit verstaubt, hat auch Amerika eine gleißende Oberfläche und darunter eine unendliche Verfallszeit. Der Roman "Postkarten" hat sich dem Nachleben der Hochglanzwurfsendung Vereinigte Staaten gewidmet, all dem, was nicht im Kino oder Fernsehen erscheint. E. Annie Proulx verschreibt sich dem sozialen Realismus. Ihr Interesse gilt den heruntergekommenen Farmen, den Wohnwagensiedlungen und den mit Backsteintapeten und zünftigen Hirschgeweihen ausstaffierten Drive-ins, der Felljägerei und den Uranschürfern, dem trampenden Indianer und den Hausfrauen auf dem Kirchenbazar.

          Proulx macht die Geschicke einer Farmerfamilie aus Vermont zum Rückgrat ihrer Saga vom anderen Amerika. Ihre Erzählung setzt kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein und endet in den achtziger Jahren. Sie zeichnet einen kollektiven Fall ohne eigentlichen Aufstieg nach. Wenn es auch das Gesetz dieser Welt des Abfalls zu sein scheint, daß niemand es zu etwas bringt und keiner heil davonkommt, so gibt es in ihr doch eine Art Urverbrechen. Der Roman beginnt mit der so wilden wie grandiosen Schilderung der Dinge, wie sie dem jungen Loyal Blood in den Augenblicken nach dem Tod seiner Freundin Billy erscheinen. Ohne den genauen Verlauf zu durchschauen, erfährt der Leser doch so viel, daß Loyal das Mädchen beim Beischlaf am Wacholdergestrüpp getötet hat. Die Tat verändert seine Wahrnehmung in radikaler Weise. Als wären ihm im biblischen Sinne die Augen geöffnet worden, hat Loyals Sehschärfe erschreckend zugenommen. Jeder Mooshöcker, jede Steinmaserung, jedes Zucken einer Motte springt ihm ins Gesicht. Doch vor allem sieht Loyal jetzt überall Samen. Sie rasseln aus den Glockenblumenhüllen, hageln durch die Gräser, rieseln aus Seidenpflanzen und platzen aus einem reifen Kürbis hervor.

          Als Loyal das Haus betritt, nimmt das Übel seinen Lauf. In der Küche sitzt Mink, Loyals Vater, mit einem T-Shirt, auf dem "Harter Brocken" steht. Seit einem Traktorunfall ist von ihm nicht mehr viel übrig. Seine Frau Jewell serviert mit "Händen wie Karottenbündeln" zeternd den Kartoffelbrei. Mernelle ist ihre großzahnige Tochter, die "Minks geduckte Haltung" hat. Loyals jüngerer Bruder Dub kommt zu spät zum Essen und findet ein blutiges Pflaster in seinem Brei. Die Mutter hat sich nur beim Kartoffelschälen geschnitten, ihm aber fehlt ein ganzer Arm. Der lebenslustige Dub hat die Welt erobern wollen und ist beim Schwarzfahren unter einen Zug geraten. Das macht Loyal zur einzigen vollwertigen Kraft auf der Farm. Als er seinen Weggang ankündigt, vernagelt der Vater die Haustür. Der Sohn geht durchs Fenster, und Mink erschießt postwendend die Holsteiner Kühe, die sich der Deserteur gehalten hatte.

          Proulx' grotesker Realismus porträtiert die Verlierer des Nachkriegsaufschwungs, den unelastischen Bauernsinn, der mit den Veränderungen nicht zurechtkommt. Dub erhält als Invalide keine Arbeitsstelle, weil man statt seiner lieber einen Kriegsversehrten nimmt. Mink fällt nichts Besseres ein, als sein verschuldetes Anwesen anzuzünden. Der dilettantische Versicherungsbetrug kommt schnell heraus. Sein klügerer Nachfolger verkauft das Land parzellenweise an Wohnwagenbesitzer und macht so einen stattlichen Gewinn. Fast keine der Figuren, zwischen denen die Postkarten, die am Anfang der Kapitel abgebildet sind, hin und her gehen, ist den Anforderungen der Moderne gewachsen.

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