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Rezension: Belletristik : Hände eines Mörders

  • Aktualisiert am

Antonio Muñoz Molina versöhnt den Thriller mit der Literatur

          4 Min.

          Wer gern Thriller liest und trotzdem nicht vergessen kann, dass sie der Literatur angehören, muss auf Enttäuschungen gefasst sein. Patricia Cornwell, früher einmal eine überraschende Autorin, ist nach bald zehn Büchern in den Niederungen der seriellen Produktion versackt. Auch der beste Thriller-Schreiber dieser Tage, Thomas Harris, hat seine Leser auf hohem Niveau enttäuscht. "Hannibal", die lang erwartete Fortsetzung seines Bestsellers "Das Schweigen der Lämmer" (1989), bietet dämonische Figuren, erlesene Schauplätze auf drei Kontinenten, ausgefallene Tötungsmethoden und sogar eine Herde sardischer Wildschweine, die dem grausigen Geschäft einen borstigen Exotismus verleihen. Doch als Ganzes - als Literatur statt als Kompilation von Spezialeffekten - wirkt der Roman ausgetüftelt und leblos. Von neueren Romanen hören wir vor allem, dass ihre Serienmörder und Serienmörderinnen das Handwerk mit Säge und Tranchiermesser sagenhaft beherrschen: Anatomiestunden als literarisches Genre. Es leuchtet ein, dass man dieses Phänomen erst einmal beschreiben muss, bevor man es bewertet; aber warum dabei ausschließlich forensische Kriterien gelten sollten, ist nicht recht zu begreifen. Der schlichten Frage, ob all diese Ware, die als Dokument unserer Unterhaltungsbedürfnisse, aber auch der Abstumpfung soziologisch bedeutsam sein mag, ästhetisch etwas tauge, gehen die Propagandisten des süßen Schauders lieber aus dem Weg.

          Ausgerechnet aus Spanien ist gerade ein erstaunliches Gegenstück zur tristen Serienmörderkonfektion nach Deutschland gekommen: der Roman "Die Augen eines Mörders" von Antonio Muñoz Molina, den Willi Zurbrüggen mit außergewöhnlichem Stilempfinden übersetzt hat. Was hat dieses Buch, das andere Thriller nicht haben? Zunächst fällt auf, dass es nicht von einem Profi des Gewerbes verfasst wurde. Der 1956 im südspanischen Úbeda geborene Muñoz Molina zählt zu den ernsthaften Literaten im Lande und hat bedeutende Auszeichnungen erhalten. Zu seinen unbestrittenen Talenten gehört, sich mühelos in verschiedenen Genres bewegen zu können. Er schreibt dicke Romane und dünne, Erzählungen und Essays.

          Neigte er früher in seinen Zeitungskolumnen zu einer etwas rabaukenhaften Linksgläubigkeit, ist er inzwischen zu einem Skeptiker der Mitte geworden; und seit er mit neununddreißig Jahren, so früh wie niemand zuvor, in die Königliche Akademie gewählt wurde, darf er sogar als Musterknabe der spanischen Literatur gelten.

          Muñoz Molinas Roman "Die Augen eines Mörders" schafft es bravourös, das alte Spiel von der doppelten Jagd noch einmal zu erzählen: weil der Schauplatz stimmt, die Figuren stimmen und selbst die beachtliche Strecke von 480 Seiten stimmt. Ein Inspektor, schon weit über fünfzig, mit gelichtetem Haar und alkoholischer Vergangenheit, wird vom Baskenland in eine südspanische Kleinstadt versetzt. Dort hat ein Unbekannter ein zehnjähriges Mädchen verschleppt, missbraucht und ermordet. Man befürchtet, er werde abermals töten.

          Einsam und misstrauisch stapft der Inspektor durch die Stadt, immer dieselben Wege, und sieht den Leuten forschend in die Augen, als müsste sich die ungeheuerliche Tat im Flackern des Blicks zu erkennen geben (ein alter Pater hat ihm von den Augen als "Spiegel der Seele" erzählt). Doch Muñoz Molina, der genug von der Seele versteht, holt dann doch nicht die Theologie in den Kriminalroman zurück. Wie im wirklichen Leben entscheiden Fahndungsmethoden, Glück und Geduld.

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