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Rezension: Belletristik : Großgetan und kleinkariert

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Arnold Stadlers Roman "Der Tod und ich, wir zwei" · Von Helmuth Kiesel

          2 Min.

          Als vor zwei Jahren Arnold Stadlers dritter Roman "Mein Hund, meine Sau, mein Leben" erschienen war, lenkte Martin Walser mit einem überaus rühmenden Essay den Blick auf diesen damals noch wenig beachteten Autor und benannte einige Charakteristika von dessen Schreiben: "Erinnerung und Schmerz" als Motive; die derbe und bigotte "Kuhdorfwelt" um Meßkirch, wo Stadler 1957 geboren wurde, als hauptsächlicher Gegenstand; "lakonisches Pathos" als dominierende Tonart; die Vergegenwärtigung eines harten, deformierenden Lebens als "trotzdem schönes". Das alles trifft auch auf den neuen Roman "Der Tod und ich, wir zwei" zu. Arnold Stadler ist seiner Welt, seinem Schmerz und seinem Ton treu geblieben. Aber er hat alles ins Superlativische gesteigert.

          Der Erzähler präsentiert sich als Engelbert Hotz, Sproß aus jener Viehhändler- und Gastwirtsdynastie, die seit Generationen im "Rößle" am Fuß des Hotzenwaldes (nördlich von Waldshut) ihren Mann stellt. Doch Engelbert taugt nicht zum Rößleswirt. Er ist kleinwüchsig, schmalbrüstig und zartgliedrig, dazu ein Bettnässer und Stotterer. Er wird zum Freund und Betreuer eines schwulen alten Professors, der sich hanseatisch vornehm und vermögend gibt, dem armen Engelbert ein ansehnliches Erbe verspricht, dann aber nur geplünderte Konten und wertlose Imitate von Stilmöbeln und Chinaporzellan hinterläßt. Und so wird Engelbert auch zum letzten Vertrauten eines fern verwandten Paares aus dem Württembergischen, das in Not geraten und dadurch so knauserig geworden ist, daß es, um das Geld für Kondome zu sparen, zu einer sehr ungewöhnlichen Art des ehelichen Verkehrs übergeht. Kurz: die Gesellschaft, in der Engelbert Hotz sich bewegt, läßt an Skurrilitäten aller Art, an manifesten und verborgenen Deformationen, an Großtuereien und Kleinkariertheiten nichts zu wünschen übrig.

          Stadler schildert diese Gesellschaft, indem er keine ihrer wohlfeilen Redensarten, keines ihrer angeberischen Modewörter, keine ihrer ungenierten Kraftvokabeln ungenutzt läßt: Das derb-deutsche Wort, welches das abgebrannte Paar aus dem Württembergischen zur Bezeichnung seiner ungewöhnlichen Verhütungspraxis verwendet, will der Erzähler, wie er in Klammern ausdrücklich sagt, nicht in seinen Text nehmen und benutzt deswegen zunächst einmal einen lateinisch-deutschen Fachausdruck; innerhalb der Klammern steht es dann aber doch. Auch sonst wird nicht mit drastischen Vokabeln gespart, zumal, wenn die Schilderung an das traurige Ende des heruntergekommenen, aber immer noch lüsternen und verfressenen Professors im Altersheim und zuletzt in einer psychiatrischen Anstalt kommt.

          Mit dem Verweis auf diese letzten Dinge soll auch angedeutet sein, daß der Brutalismus der Ausdrucksmittel bei diesem Autor nicht bloße Provokation ist. Er soll vielmehr zeigen, wie erbärmlich das Leben letztlich ist und wie niederträchtig es die Menschen macht. Das läßt man beim Lesen nur ungern gelten. Stadlers Buch erzeugt beträchtlichen Widerstand, der freilich gebrochen wird: durch die Wahrhaftigkeit seiner Darstellung, durch die umwerfende Komik vieler Vorgänge, durch den mitreißenden Duktus der Sprache. In Arnold Stadler ist unserer Zeit ein Kritiker von Rang und ein Satiriker von überragender Ausdruckskraft erwachsen. Vom Tod her denkend, zeigt er die Brüchigkeit des Lebens und verspottet - sich selber mit einbeziehend - unsere Bemühungen, in der Welt etwas darzustellen.

          Motiviert ist Stadlers Darstellung des Lebens anscheinend durch ein Übermaß an Leiden, das ihm aufgebürdet wurde. Auch am Ende dieses Romans deutet sich das an. Der letzte Satz lautet: "Das Schönste aber wäre, nie geboren zu sein." Und darunter steht nicht etwa: "Nach Matthäus 26, 24", sondern: "L. H. _ 13. April 1996". Dieser Verweis auf eine wiederum neue Todeserfahrung macht es schwer, gegen das große Lamento, das aus Stadlers Büchern tönt, etwas zu sagen. Aber vielleicht darf man doch daran erinnern, was Alfred Polgar auf die biblische Feststellung entgegnete: "Aber wem passiert das schon!" Will sagen: Andere haben das Nicht-Nicht-Geborensein auch auszuhalten; das ist die Conditio humana. Oder mit den Worten der Marschallin aus dem "Rosenkavalier": "Und man ist dazu da, daß man's erträgt. Und in dem "Wie', da liegt der ganze Unterschied."

          Arnold Stadler: "Der Tod und ich, wir zwei". Roman. Residenz Verlag, Salzburg und Wien 1996. 223 S., geb., 39,- DM.

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