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Rezension: Belletristik : Gleitflug mit abgenagtem Hühnchenflügel

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Das Leben ist ein mitternächtlich Ding: "Zähne zeigen", der Debütroman der jungen britischen Autorin Zadie Smith · Von Annette Pehnt

          So ist das in Willesden: verrammelte Sandwichbar mit demolierter Leuchtreklame neben Schlüsseldienst neben permanent geschlossenem Friseursalon. Im Souterrain näht eine Inderin Schlaghosen, auf dem Basketballplatz der Gesamtschule spielen islamische Kinder namens Colin oder Susan mit Tennisschlägern Kricket, und im Curry House serviert Samad Iqbal den Gästen Tandoori Shahi Jhinga mit Pommes. Samads bester Freund Archie, mit dem er die letzten Tage des Zweiten Weltkrieges in einem kaputten Panzer irgendwo an der bulgarischen Grenze verstreichen ließ, ist Engländer. Aber was heißt das schon in einer Stadt, in der Muslime den Zeugen Jehovas beitreten und karibische Einwanderer zum Frühstück Orangenmarmelade aufs Toastbrot streichen.

          Um Samad, Archie und ihre Familien entfaltet Zadie Smith in ihrem Debütroman "Zähne zeigen" ein England, in dem das Britische so aufgeweicht ist wie zu lange gekochter Kohl. Hochtrabende Deutungen einer multikulturell engagierten Kritikergarde wischt sie in den Interviews, um die sie zur Zeit allenthalben gebeten wird, mit einer lässigen Handbewegung vom Tisch: Sie habe einfach ein lustiges Buch über Leute mit verschiedenen Hautfarben schreiben wollen. Das ist ihr ohne Zweifel gelungen: Der Roman "Zähne zeigen" karikiert das leidenschaftliche Engagement eines Elternbeirats für die Schultombola genauso gekonnt wie das düstere Säbelrasseln der islamischen Fundamentalisten, Zweigstelle Kilburn, oder die lüstern gepflegten apokalyptischen Visionen der Zeugen Jehovas. Aber mit der Komik der Verhältnisse allein begnügt sich dieser breit angelegte Roman längst nicht.

          Zadie Smith ist mit fünfundzwanzig Jahren in einem Alter, in dem sich Autoren hierzulande üblicherweise eher an der eigenen Biographie, an intimen Beziehungen und an begrenzten Räumen abarbeiten. Blütenstaubzimmer aber sind Smith' Sache nicht. Ihr ehrgeiziger und zugleich entwaffnend unbefangener Versuch über das Miteinander verschiedener Gemeinschaften, über den alten Wunsch nach Zugehörigkeit, über das Eigene und das Fremde holt weit aus, umspannt Weltkrieg und Flower-Power, Mauerfall und Thatcherism.

          Archies und Samads Freundschaft beginnt 1945 in einem bulgarischen Dörfchen, wo die beiden britischen Soldaten beim Pokern und Morphiumschnupfen das Ende des Zweiten Weltkrieges verpassen und den einzigen Nazi, dessen sie habhaft werden können, laufenlassen. Verpaßte Gelegenheiten gibt es zuhauf in diesem Roman, verpatzte Chancen, sorgfältig geschmiedete Pläne, die der Lauf der Dinge zunichte macht. Smith' Figuren stolpern durch das Zeitgeschehen, nähren sich von Geschichte und werden doch nicht satt daran. Während Archie Falztechniken für Werbebroschüren entwickelt und den dreizehnten Platz im olympischen Radrennen 1948 nicht verwinden kann, hadert Samad mit seinem Los als Curry-Kellner und dem Heldentod seines von der Geschichte vernachlässigten indischen Urgroßvaters Mangal Pande im Sepoy-Aufstand von 1857. Während die Erfindung der Familienmythen die Iqbals und die Jones beschäftigt hält, rauschen die großen Ereignisse beiläufig über die Bildschirme. Als die Berliner Mauer fällt, von der niemand in Willesden so recht weiß, wer sie erbaut hat und warum sie verschwinden soll, spielt Archie auf dem Sofa mit der Fernbedienung und nagt an einem Hühnchenflügel.

          Samad beschließt endlich, das Leben nicht ungenutzt verstreichen zu lassen und das Schicksal in die Hand zu nehmen, denn wenigstens seine Kinder sollen wissen, wohin sie gehören. Weil das Geld nur für ein Flugticket reicht, schickt er den begabten Magid zurück nach Bangladesh, auf daß er als ein rechter Muslim aufwachse. Dessen Bruder und den Frauenhelden Millat läßt er in Willesden. Aber Identitäten lassen sich nicht zuteilen wie neue Mäntel, und das Experiment mißlingt gründlich: Magid kehrt später als erfolgreicher Rechtsanwalt zurück nach London und arbeitet mit dem Genetiker Chalfen an dem Pionierprojekt einer genetisch kodierten SuperMouse, getrieben von der Vision einer von Menschenhand geordneten und perfektionierten Welt. Teufelswerk in den Augen seines Vaters, dem als strenggläubigem Muslim das Leben "ein mitternächtlich Ding, fadenscheinig, leicht zu verlieren wie ein Schlüsselring oder eine Haarspange" ist. Millat dagegen, der Willesden nie verlassen hat, gerät nach der Rushdie-Affäre in aufgeheizte fundamentalistische Kreise, die ihm die reine Lehre einhämmern und ihn sogar zeitweilig von der Vielweiberei abbringen.

          Für die jüngere Generation, die dann in den Mittelpunkt des Epos rückt, werden die Chalfens, die intellektuelle Vorzeigefamilie von Willesden, zum geistigen Gravitationszentrum. Millat soll dort auf Anordnung des Schuldirektors seine sozialen Fähigkeiten aufpolieren und den liberalen Humanismus der akademisch gebildeten Mittelklasse inhalieren, vergreift sich aber lieber an Joyce Chalfens edlem Cognac und verdreht den hochbegabten Chalfen-Kindern die Köpfe.

          So recht weiß bei Zadie Smith niemand, wohin mit sich in Willesden und der Welt. Ideologien und Hautfarben kreuzen und vermischen sich, und ihre Träger verlieren die Kontrolle in einer Zeit, in der zwischen Bangladesh und Nord-London, Islam und Veganismus, Kiffen und Kinderkriegen alle Optionen offenstehen und doch nicht frei wählbar sind. Doch die Fäden laufen zusammen in der Hand der Erzählerin, die die Sehnsüchte ihrer Figuren in eine furiose Fröhlichkeit überführt. So souverän, wie sie ihre angekratzten Helden durch die Weltgeschichte schickt, so unbekümmert herrscht sie über Zeit und Raum.

          Ohne Scheu gebärdet Smith sich allwissend, kommentiert die Rushdie-Affäre, das britische Schulsystem oder den öffentlichen Nahverkehr, schiebt ein feministisches Pamphlet über den Gartenbau und die sexuelle Revolution oder eine Chronik von Archies Lieblingskneipe ein. Dann wieder lehnt sie sich zurück, läßt Jahre vergehen, Bäuche schwellen und Nebenfiguren sprießen, Großmütter und Liebhaber, Kiffbrüder und Penner. Realismus gilt ihr dabei nicht als oberstes Gesetz. Wenn Archie wieder einmal eine Münze wirft, um dem Zufall die Entscheidung zu überlassen, kann es passieren, daß das Geldstück in Zeitlupe durch die Luft direkt in den Schlitz eines Flipperautomaten trudelt.

          So kann Smith schließlich alle in einem bizarren Finale zusammenführen, das den Zufall und die Unvorhersehbarkeit feiert. Als Marcus Chalfen am Silvesterabend 1992 einer kleinen, ausgewählten Öffentlichkeit seine SuperMouse vorstellen will, bricht ein wahrer Veitstanz los. Alle sind sie gekommen und haben sich ins biogenetische Institut eingeschleust, um die genetische Revolution im Keim zu ersticken, Islamisten und Tierschützer, Iqbals und Jones, Eltern und Kinder. Vergangenheit und Gegenwart überlappen sich, Schüsse fallen, und im allgemeinen Aufruhr entkommt unbemerkt die SuperMouse, Chalfens Hoffnungsträger für eine beherrschbare Zukunft der Menschheit.

          Vielleicht ist dies die Ouvertüre für den nächsten Akt, in dem der Zufall die Regie führt. Bühnenbild: "neutrale Räume. Und nicht dieses endlose Labyrinth aus gegenwärtigen Räumen und vergangenen Räumen und Sachen, die vor Jahren darin gesagt wurden, und überall verteilt der historische Scheiß von allen Bewohnern. Keine Moschee. So gut wie keine Sünden. Reichlich Vergebung. Keine Dachböden. Keine Skelette in Schränken. Keine Urgroßväter." Aber dann könnte Samad Iqbal nicht mehr von Mangal Pande erzählen und Zadie Smith nicht mehr von Samad Iqbal. Und das wäre schade.

          Zadie Smith: "Zähne zeigen". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Ulrike Wesel und Klaus Trimmermann. Droemer Verlag, München 2001. 650 Seiten, geb., 44,90 DM.

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