https://www.faz.net/-gr3-2iir

Rezension: Belletristik : Gleitflug mit abgenagtem Hühnchenflügel

  • Aktualisiert am

Samad beschließt endlich, das Leben nicht ungenutzt verstreichen zu lassen und das Schicksal in die Hand zu nehmen, denn wenigstens seine Kinder sollen wissen, wohin sie gehören. Weil das Geld nur für ein Flugticket reicht, schickt er den begabten Magid zurück nach Bangladesh, auf daß er als ein rechter Muslim aufwachse. Dessen Bruder und den Frauenhelden Millat läßt er in Willesden. Aber Identitäten lassen sich nicht zuteilen wie neue Mäntel, und das Experiment mißlingt gründlich: Magid kehrt später als erfolgreicher Rechtsanwalt zurück nach London und arbeitet mit dem Genetiker Chalfen an dem Pionierprojekt einer genetisch kodierten SuperMouse, getrieben von der Vision einer von Menschenhand geordneten und perfektionierten Welt. Teufelswerk in den Augen seines Vaters, dem als strenggläubigem Muslim das Leben "ein mitternächtlich Ding, fadenscheinig, leicht zu verlieren wie ein Schlüsselring oder eine Haarspange" ist. Millat dagegen, der Willesden nie verlassen hat, gerät nach der Rushdie-Affäre in aufgeheizte fundamentalistische Kreise, die ihm die reine Lehre einhämmern und ihn sogar zeitweilig von der Vielweiberei abbringen.

Für die jüngere Generation, die dann in den Mittelpunkt des Epos rückt, werden die Chalfens, die intellektuelle Vorzeigefamilie von Willesden, zum geistigen Gravitationszentrum. Millat soll dort auf Anordnung des Schuldirektors seine sozialen Fähigkeiten aufpolieren und den liberalen Humanismus der akademisch gebildeten Mittelklasse inhalieren, vergreift sich aber lieber an Joyce Chalfens edlem Cognac und verdreht den hochbegabten Chalfen-Kindern die Köpfe.

So recht weiß bei Zadie Smith niemand, wohin mit sich in Willesden und der Welt. Ideologien und Hautfarben kreuzen und vermischen sich, und ihre Träger verlieren die Kontrolle in einer Zeit, in der zwischen Bangladesh und Nord-London, Islam und Veganismus, Kiffen und Kinderkriegen alle Optionen offenstehen und doch nicht frei wählbar sind. Doch die Fäden laufen zusammen in der Hand der Erzählerin, die die Sehnsüchte ihrer Figuren in eine furiose Fröhlichkeit überführt. So souverän, wie sie ihre angekratzten Helden durch die Weltgeschichte schickt, so unbekümmert herrscht sie über Zeit und Raum.

Ohne Scheu gebärdet Smith sich allwissend, kommentiert die Rushdie-Affäre, das britische Schulsystem oder den öffentlichen Nahverkehr, schiebt ein feministisches Pamphlet über den Gartenbau und die sexuelle Revolution oder eine Chronik von Archies Lieblingskneipe ein. Dann wieder lehnt sie sich zurück, läßt Jahre vergehen, Bäuche schwellen und Nebenfiguren sprießen, Großmütter und Liebhaber, Kiffbrüder und Penner. Realismus gilt ihr dabei nicht als oberstes Gesetz. Wenn Archie wieder einmal eine Münze wirft, um dem Zufall die Entscheidung zu überlassen, kann es passieren, daß das Geldstück in Zeitlupe durch die Luft direkt in den Schlitz eines Flipperautomaten trudelt.

So kann Smith schließlich alle in einem bizarren Finale zusammenführen, das den Zufall und die Unvorhersehbarkeit feiert. Als Marcus Chalfen am Silvesterabend 1992 einer kleinen, ausgewählten Öffentlichkeit seine SuperMouse vorstellen will, bricht ein wahrer Veitstanz los. Alle sind sie gekommen und haben sich ins biogenetische Institut eingeschleust, um die genetische Revolution im Keim zu ersticken, Islamisten und Tierschützer, Iqbals und Jones, Eltern und Kinder. Vergangenheit und Gegenwart überlappen sich, Schüsse fallen, und im allgemeinen Aufruhr entkommt unbemerkt die SuperMouse, Chalfens Hoffnungsträger für eine beherrschbare Zukunft der Menschheit.

Vielleicht ist dies die Ouvertüre für den nächsten Akt, in dem der Zufall die Regie führt. Bühnenbild: "neutrale Räume. Und nicht dieses endlose Labyrinth aus gegenwärtigen Räumen und vergangenen Räumen und Sachen, die vor Jahren darin gesagt wurden, und überall verteilt der historische Scheiß von allen Bewohnern. Keine Moschee. So gut wie keine Sünden. Reichlich Vergebung. Keine Dachböden. Keine Skelette in Schränken. Keine Urgroßväter." Aber dann könnte Samad Iqbal nicht mehr von Mangal Pande erzählen und Zadie Smith nicht mehr von Samad Iqbal. Und das wäre schade.

Zadie Smith: "Zähne zeigen". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Ulrike Wesel und Klaus Trimmermann. Droemer Verlag, München 2001. 650 Seiten, geb., 44,90 DM.

Weitere Themen

Googles Gesetz

FAZ Plus Artikel: Presse in Frankreich : Googles Gesetz

Nach der Ankündigung Googles trotz der EU-Vorgaben keine Entschädigungen für Presse-Links zu zahlen, machen Frankreichs Journalisten nun mobil. Es ist von einem „Suizid der Presse“ die Rede.

Topmeldungen

Will nicht weichen: Baschar al Assad am Mittwoch in Idlib

Syrien-Konflikt : Wer Schutz verspricht, muss schützen

Seit Jahren wird über sichere Zonen in Syrien diskutiert, doch nie waren die Umstände widriger. Nato-Mitglieder zweifeln an Deutschlands Motiven – derweil spielen russische und türkische Einsatzkräfte vor Ort ihre Macht aus.
Rose McGowan spricht 2017 auf der Eröffnungsveranstaltung einer Frauenkonferenz.

Rose McGowan : #MeToo-Vorkämpferin verklagt Harvey Weinstein

Als sie über eine Vergewaltigung schreiben wollte, habe der Filmproduzent alles unternommen, sie mundtot zu machen. Dafür fordert die Schauspielerin nun eine Entschädigung. Weinstein reagiert wie gewohnt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.