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Rezension: Belletristik : Geschmack der Zersetzung des Herzens

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Zweimal D'Annunzios "Lust" / Von Alban Nikolai Herbst

          6 Min.

          L' anno moriva, assai dolcemente", überaus süß stirbt das Jahr, und die

          Räume, in denen Andrea Sperelli seine ehemalige Geliebte Elena, nun Lady Heathfield, erwartet, füllen sich langsam mit Rosenduft. Dazu brennt im Kamin Wacholderholz und in Sperelli eine vergeistigte Ungeduld. Sperelli erinnert sich an den Tag, da Elena ihn verließ. Da tritt sie ein, die beiden gestehen einander neuerlich ihre Leidenschaft. Die Frau läßt den sinnenden Mann zurück; der denkt dem Anfang und dem Ende ihrer beider Liebe nach, erinnert sich auch an seine späteren Affären und denkt an seine zweite Liebe, Maria, die er mit Elena zugleich liebt. Er liebt sie unglücklich erst, dann momentlang glücklich, dann bis in den Schmerz, beide Frauen verschmelzen ihm zu einer: raffinierteste Tollheit, so delikat wie aufreizend. Ein Genuß, den Liebhabern und Liebhaberinnen nur die Unmoral schenkt. Bald aber ist "diese Verkörperung einer Frau in einer anderen ( . . . ) nicht mehr ein Akt verzweifelter Leidenschaft, sondern eine Gewohnheit des Lasters". Da spricht Andrea in einem unvorsichtigen Moment den falschen Namen aus, und ins Tiefste getroffen verläßt Maria ihn. Elena hingegen, mittlerweile die Geliebte eines Freundes geworden, hat Andrea bereits kurz zuvor mit den Worten weggeschickt: "Ich lasse Ihnen von meinem Mann zwanzig Franken geben. So werden Sie, wenn Sie fortgehen, Ihr Verlangen befriedigen können."

          Nun ist Andrea Sperelli also endgültig allein. Maria folgt ihrem sozial bankrotten Gemahl in die Provinz, der Haushalt wird aufgelöst. Andrea besitzt die Geschmacklosigkeit, daraus einen Schrank zu ersteigern, "im Mund ( . . . ) einen unsäglich bitteren, widerlichen Geschmack, der von der Zersetzung seines Herzens zu kommen schien". Der Schrank wird gerade geliefert, als Andrea heimkommt. "Seguì", er folgte ihm, "piano piano, di gradino in gradino", ganz langsam, Stufe für Stufe, bis zu seiner Wohnung, "fin dentro la casa". "Langsam schritt er hinterher, von Stufe zu Stufe, bis vor die Tür seiner Wohnung", heißt es in anderer Übersetzung. Das "fin dentro la casa", der Schluß im Innersten, geht verloren. Maria, wie die andere, die schrecklich reine, für die sie steht, schwindet im Verzicht, und Elena, letzter Grund jedes Krieges, hat sich schon einem neuen Troja zugewandt. Dies also die alte, überaus süße Geschichte.

          Wenn ein übelbeleumdeter Klassiker der modernen Poesie in neuer Übersetzung erscheint, mag das literarische Gründe haben oder in einer verlegerischen Vorliebe begründet sein. Erscheinen jedoch parallel zwei Übersetzungen, so merkt das politische Bewußtsein auf. Der Markt kann ja kaum eine Arbeit schlucken, es könnten also literaturferne Interessen und Bedürfnisse die Verlage Manesse einer- und Reclam andererseits zu ihrer Parallelaktion verführt haben.

          Die Rede geht von einer letzten Blüte symbolistischer Ästhetik, geht von dem Roman "Il piacere" - ins Deutsche seit je sehr ungenügend mit "Lust" übersetzt, was "Vergnügen", ja "Lustbarkeit" heißen könnte und eng an dekadente Kategorien von ästhetischem Geschmack gebunden ist - des so spektakulären Dichters, Frauenhelden und Militaristen Gabriele D'Annunzio. Darauf, den überkommenen Titel in Frage zu stellen, hat sich keine der beiden Übersetzerinnen eingelassen, wohl aber sind die Tendenzen des italienischen Originals in jeweils denkbar verschiedene Richtungen kristallisiert. Das macht es reizvoll, die Fassungen parallel zu lesen.

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