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Rezension: Belletristik : Geliebte Fetzensprache

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Am Beginn steht ein kleines, aber kein unbeschriebenes Blatt: "Es darf kein großes Blatt sein, sonst wird zuviel erwartet; auch soll es lieber nicht weiß sein: es verlangt, voll beschrieben zu werden, und gerade das erscheint mir am Anfang immer unerreichbar." Ein Zimmer, eine Schreibmaschine, Papier, ...

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          Am Beginn steht ein kleines, aber kein unbeschriebenes Blatt: "Es darf kein großes Blatt sein, sonst wird zuviel erwartet; auch soll es lieber nicht weiß sein: es verlangt, voll beschrieben zu werden, und gerade das erscheint mir am Anfang immer unerreichbar." Ein Zimmer, eine Schreibmaschine, Papier, der Zweifel - schon die ersten Sätze des ersten Buchs von Friederike Mayröcker versammeln die wenigen Utensilien, aus denen Literatur - ihre und eigentlich alle - gemacht ist. Gut vierzig Jahre später ist alles noch an seinem Platz, das Zimmer und vor allem der Zweifel, nur daß der Wagen der Schreibmaschine inzwischen an den Papierstößen aneckt. Was ist in der Zwischenzeit geschehen? Viel, sehr viel: Vor allem hat sich dieser Wagen hin und her bewegt, unaufhörlich, stetig. Das Papier füllt nun das ganze Zimmer.

          Dieses Schreibzimmer ist natürlich vor allem ein Lesezimmer. "Eine Prise Benn, eine Prise Brecht, eine Prise St. John Perse, Salvador Dalís geheimnisvolle Lebensberichte, Jean Paul, Freud, Francis Ponge, viel Breton, Michaux, Duras, einiges von Roland Barthes, Jacques Derrida, Botho Strauß, und immer wieder, und abermals, Samuel Beckett, den unvergleichlichen Meister der Moderne." Wie ein Kochrezept klingt eine der zahlreichen Selbstcharakterisierungen Mayröckers, die ihr Werk gern als Kompendium moderner Literatur, als eine Art organischer Verbindung von - höchst reaktiven - denkerischen und dichterischen Elementarteilchen bestimmt. In ihrer Rede zur Verleihung des Hölderlin-Preises - dessen Namensgeber in der illustren, nicht entfernt vollständigen Reihe noch zu ergänzen wäre - bemüht Mayröcker das Bild der kommunizierenden Gefäße oder spricht von einem "sympathetischen System von Gefühls- oder Gedankenkanälen oder Kanülen", um ihr Verhältnis zur Schreibtradition zu bezeichnen. So sehr ihr Werk als ein ununterbrochenes Selbstgespräch erscheint, so sehr ist es auch Dialog - mit bildenden Künstlern, Musikern, anderen Lyrikern, vom ständigen Austausch mit dem Lebensgefährten Ernst Jandl gar nicht zu reden. Immer wieder nimmt sie Anstoß am Werk anderer, als brauche ihr Wortstrom Anlässe, sich zu konkretisieren, zu stauen und zu einem Text zu verdichten.

          Die Literaturwissenschaft, die hier gern von "Intertextualität" spricht, kennt daher im Werk Mayröckers einen willkommenen Gegenstand. Doch findet dieses "Jahrhundertwerk" - so etwa das emphatische Urteil des Mitherausgebers Marcel Beyer im Nachwort zum ersten Band - nur wenige Leser. Das wird sich auch durch die nun vorliegende fünfbändige Sammlung ihrer Prosa - von der ersten Buchveröffentlichung "Larifari" von 1956 bis zum Requiem für Ernst Jandl aus dem Jahr 2000 - kaum ändern. Was dieses Werk, das in der Konsequenz und Kompromißlosigkeit seiner Bemühung, ein ganzes Leben in Sprache zu verwandeln, vielleicht nur noch mit der "Spielregel" Michel Leiris' vergleichbar ist, seinen Lesern zumutet, ist der Mayröcker bewußt. "Die Lust des Schreibens und die Lust des Gelesenwerdens sind zweierlei", heißt es bündig in "Das Herzzerreißende der Dinge". Und doch erweisen diese gut dreitausend Seiten hochkonzentrierte Sprachkunst, daß Mayröcker nicht nur lesenswert, sondern auch lesbar ist.

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