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Rezension: Belletristik : Geister auf dem Brunnengrund

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Tahar Ben Jelloun bereist das wiederauferstandene Tanger

          4 Min.

          In Marrakesch hat Elias Canetti Mitte der sechziger Jahre die Straßenerzähler beobachtet. Ihm erschienen sie als "eine Enklave alten und unberührten Lebens", und er empfand den Stolz eines jüngeren und schwächeren Bruders angesichts der Macht, die sie über ihre Zuhörer besaßen. Manchmal, "in glücklichen Augenblicken", sage er sich, schreibt Canetti in den "Stimmen von Marrakesch", daß auch er als Erzähler Menschen um sich versammeln könne. "Aber", fügt er hinzu, "statt von Ort zu Ort zu ziehen, nie wissend, wen ich finden, wessen Ohren sich mir öffnen werden, statt im reinen Vertrauen auf eine Erzählung zu leben, habe ich mich dem Papier verschrieben." Bei den Bänken der Schreiber, nur wenige Schritte von der bunten Szene der Erzähler entfernt, sei es ganz still gewesen. Dort habe nur eins gezählt: nämlich "die stille Würde des Papiers".

          Tahar Ben Jelloun, der französisch schreibende Marokkaner, der seit 1971 in Paris lebt, hat sich seit langem dem Papier verschrieben und ist trotzdem ein Erzähler geblieben. Das wortführende Ehepaar in seinem jüngsten Roman "Zina oder Die Nacht des Irrtums" nennt sich einmal stolz "Dahmane und Jamila, moderne Geschichtenerzähler". Modern daran ist zum Beispiel die Arbeitsteilung. Jamila betätigt sich als Roadmanager, und Dahmane, ihr einhändiger Ehemann, ist zuständig für das Mikrophon und die Geschichten. Modern an den Geschichten, die der Autor seinen Erzählern zugedacht hat, ist auch der Umstand, daß ihre Zuverlässigkeit zweifelhaft und die Quellen trübe sind. Wir Leser treiben mit dem Autor und seinen diversen Stimmführern auf dem "Meer der Geschichten" - um Salman Rushdie zu zitieren. Ben Jellouns Roman lebt von der mächtigen Erzähltradition des Maghreb, aber er spielt mit ihr sein eigenes Spiel. Sein Stil ist blumig und unverblümt zugleich. Er mischt die Prosa des marokkanischen Alltags mit den Aromen von Träumen und Hirngespinsten. Lyrische Sequenzen gehen in pamphlethafte Passagen über. Ben Jelloun legiert Poetisches, Erotisches, Politisches und Religiöses auf jene unorthodoxe Weise, zu der einem zwangsläufig Begriffe wie "hybrid" oder "postkolonial" einfallen.

          Es gibt bei Ben Jelloun sonderbare Reminiszenzen an die Tage einer orientalischen Hippie-Seligkeit, in der man andere Körper nicht nur heftig liebte, sondern dabei auch kräftig kiffte. Nimmt man Ben Jelloun als französischen Autor, wäre seine etwas krampfhafte Libertinage nicht weiter der Rede wert. Als Adresse eines Marokkaners an das marokkanische Publikum muß seine sexuelle Deutlichkeit provozierend wirken. Dies um so mehr, als man seinen Roman bei aller Drastik getrost als eine Kampfansage an die orientalische Männerwelt verstehen kann. Die sexuelle Sprache, der Ben Jelloun so breiten Raum läßt, steht im Dienst feministischer Männerkritik. Deren Schläge werden geführt im Namen der "Bruderschaft der Achtung vor der Frau".

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