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Rezension: Belletristik : Gefeierte Dekadenz

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Um den Rang großer Meisterwerke zu begreifen, ist nichts so hilfreich wie das Lesen von Büchern, die zur selben Zeit wie sie entstanden sind. Pierre Louys war nur ein Jahr älter als Marcel Proust und starb nur vier Jahre später. Die Milieus der beiden Schriftsteller waren vergleichbar; beide entstammten der wohlhabenden Bourgeoisie, beide wurden der Décadence zugerechnet.

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          Um den Rang großer Meisterwerke zu begreifen, ist nichts so hilfreich wie das Lesen von Büchern, die zur selben Zeit wie sie entstanden sind. Pierre Louys war nur ein Jahr älter als Marcel Proust und starb nur vier Jahre später. Die Milieus der beiden Schriftsteller waren vergleichbar; beide entstammten der wohlhabenden Bourgeoisie, beide wurden der Décadence zugerechnet. Diese letztere Einschätzung enthält einen erstaunlich zähen Irrtum, von dem sich jeder selbst durch Louys-Lektüre kurieren kann. Man wird sehen: Proust war ein kompromißloser Wahrheitssucher, während sein Freund und Kollege Louys fest in seinen Blut- und-Wollust-Illusionen seßhaft blieb.

          "Dieses obskure Objekt der Begierde" hieß die Buñuel-Verfilmung von Louys' Roman "La femme et le pantin - Die Frau und der Hampelmann", in dem die Blondinen "blasse Objekte der Begierde" genannt werden. Das Werk ist in einem Traum-Spanien angesiedelt, einem erotischen Paradies voll Armut und Promiskuität. Schon Carmen hatte die Zigarrenfabrik als Hintergrund für ihre Aktivitäten genutzt, aber bei Louys wird diese Fabrik zum türkischen Bad, in dem sich in der Hitze nackte Frauen drängen und sich den zwischen den Werkbänken umherschweifenden Kennern anbieten. Hier findet der zu jeder Form von Sexualknechtschaft geneigte Don Mateo seine teuflische Meisterin Conchita, hinter deren Erbarmungslosigkeit sich allerdings nur die unbesiegbare Sehnsucht nach einer ordentlichen Tracht Prügel verbirgt. Wenn die Psychiater des späten neunzehnten Jahrhunderts nicht so tief in die Lektüre deutschsprachiger Trivialliteratur versunken gewesen wären, hätten sie den Masochismus auch Louyzismus nennen können.

          "La femme et le pantin" zählt zu den Romanen, die durch die Verfilmung gewonnen haben. Der junge Flaubert rügte am Marquis de Sade, er habe "versäumt, sich über das Laster lustig zu machen"; bei Louys, der "Salambô" viele Anregungen schuldet, hätte er dasselbe monieren können. Buñuel ließ die böse Conchita, je nachdem ob sie heiß oder kalt war, von zwei verschiedenen Schauspielerinnen verkörpern; der Zuschauer teilte mit dem vor unerfüllter Sehnsucht ächzenden Don Mateo die Verwirrung in wachsender Heiterkeit. Bei Louys ist alles tiefer Ernst, unterlegt freilich vom unfreiwilligen Unernst der Schmierentragödie. Man faßt es kaum, daß Proust dasselbe Thema bearbeitete in Gestalt seiner treulosen Albertine, denn die beiden Bücher scheinen in vollkommen verschiedenen Zeiten geschrieben - Prousts in einer unbestimmbaren Gegenwart, Louys' in einer tief versunkenen Vergangenheit.

          Der Manesse Verlag hat dem kurzen "Obskuren Objekt der Begierde" die etwas längere "Aphrodite" beigegeben. In diesem Kostümstück aus dem Alexandria der Kleopatra ist alles versammelt, was ein rechter Décadent der schalen Gegenwart entgegenhalten mag. Dieses ganze Alexandria darf in glücklichem Heidentum noch in einem einzigen ununterbrochenen Koitus beben. Die Sehenswürdigkeiten dieser Stadt, wie sie der archäologischen Fachliteratur zu entnehmen waren, schmücken ein einziges heiliges Bordell, der berühmte Pharos ist gleichsam ein Petersdom der Promiskuität. Der edle Künstler Demetrios darf grausige Bluttaten begehen und damit doch nur der Schönheit huldigen; wie Stefan Georges Algabal wird er im Angesicht der Blutlachen höchstens "seine Purpurschleppe raffen". Zu Louys' Zeit trug man in Paris zwar keine Purpurschleppen mehr, aber es gab prächtige seidene Morgenröcke, die der Roué anlegte, wenn er sich mit Äther, Absinth, Opium oder Kokain besudelte.

          Nichts ist so fern wie eine abgelegte Mode. Trifft auch Louys' "Aphrodite" dies Verdikt? Vielleicht nicht, denn sein Traum ist noch nicht ausgeträumt, sondern sogar vielfältig verwirklicht, wenn auch unter Bedingungen, die er und die Seinen nicht zu erahnen vermochten. Die pornographische Literatur des französischen achtzehnten Jahrhunderts besaß immer auch einen politischen Aspekt, mit den Angriffen auf die Sitten sollte auch das Fundament des Ancien régime getroffen werden. Ein Décadent wie Louys hatte nun zwar nicht mehr gleich das ganze Volk im Auge, wenn er von der Befragung der Körper schwärmte, aber er stand als Künstler mit der sich vorbereitenden politischen und gesellschaftlichen Veränderung doch in unbewußter Verbindung. Daß seine Forderung nach sexueller Emanzipation gerade in der industriellen Massengesellschaft erfüllt werden würde, hätte ihn gewiß verblüfft. Daß der von ihm gewagt phantasierten Promiskuität schließlich nur eine Entlastungsfunktion und die Rolle des Sicherheitsventils seiner allumfassenden Arbeitszivilisation zukommen sollte, hätte er womöglich als Betrug an seinen innigsten Hoffnungen gesehen.

          Wie die nubischen Matrosen bei Louys in Alexandria den Venushain der unendlichen Freuden betreten, verbringt der Steuerberater von heute sein Wochenende im Swinger-Club eines dörflichen Neubaugebiets. Die "geheimnisvollsten und entlegensten" Praktiken der alexandrinischen Huren findet man heute in jeder Kontaktanzeige in Familienzeitschriften wieder. Es ist der Liebe ergangen wie den einst exquisiten Reisezielen: sie wurde demokratisiert. Und wie bei den Reisezielen waren es auch bei der Liebe die Künstler, die den Massen das Ziel ihrer Wünsche gewiesen haben.

          Pierre Louys: "Dieses obskure Objekt der Begierde". "Aphrodite". Aus dem Französischen übersetzt und mit einem Nachwort von Vincenzo Orlando. Manesse Verlag, Zürich 2002. 480 S., geb., 19,90 [Euro].

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