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Rezension: Belletristik : Gefahren unter dem Mond von Alabama

  • Aktualisiert am

Witzig, schnell, bedrückend: der erste Jugendroman von Christopher Paul Curtis

          Die Watsons sind eine komische Familie. In der ersten Hälfte dieses Buches werden lustige und zuweilen etwas weniger lustige Ereignisse aus ihrem Alltag geschildert. Der Erzähler ist Kenny, zehn Jahre alt und das mittlere der drei Watson-Kinder. Sein Bruder Byron, dreizehn, zwiebelt ihn ganz schön; aber Byron hat auch eine Menge Probleme. Die kleine Schwester ist mutig und loyal, auch wenn sie hinten im Auto immer einschläft und im Schlaf sabbert. Die Watsons lachen viel und laut. Momma hält den Betrieb zusammen und übertreibt dabei manchmal ein bißchen. Dad ist der geborene Stand-up-Komödiant. Es dauert eine Weile, bis man merkt, daß dieses Familienleben in Flint, Michigan, doch anders zu sein scheint. Aber auch wieder nicht. Denn die geschwisterlichen Rangeleien und Anhänglichkeiten, die Kümmernisse und Aufschwünge zwischen Freunden und Klassenkameraden und nicht zuletzt die Sorgen, die die Eltern ihren Kindern machen, sind vertraut. Wir lesen von den Freund- und Feindschaften im Schulbus und auf dem Schulhof, und wir müssen fast auf jeder Seite lachen, weil Kenny, der kleine Eierkopf und Schnellese-Rekordhalter, all das munter und mit kämpferischem Fatalismus erzählt.

          Anders und doch vertraut? Die Watsons sind Schwarze, Afroamerikaner. Im Norden der Vereinigten Staaten, also auch in Michigan, wo die Watsons leben, gab es zwar keine auf Trennung der Weißen von den Schwarzen angelegte Politik wie in den Südstaaten. Aber eine schwarze Familie hatte es auch dort nicht leicht.

          Die äußeren Umstände, die das Leben der Watsons Anfang der sechziger Jahre widrig beeinflussen, spielen im ersten Teil nur indirekt eine Rolle. Hier lernen wir einen Alltag mit anderem kulturellen Hintergrund kennen. Im zweiten Teil wird die Geschichte der Watsons dramatisch beschleunigt. Sie fahren nach Birmingham, Alabama, und besuchen Mommas Momma. Diese erweist sich als eindrucksvolle alte Dame mit viel Autorität, wenn auch als sehr zerbrechlich. Die halb als Urlaub, halb als Erziehungsmaßnahme geplante Reise in ihrem alten Auto bringt die Watsons in große Gefahr: Sie geraten mitten in einen Terroranschlag gegen eine schwarze Kirchengemeinde in Birmingham. Zum Glück überstehen sie das Attentat, wenn auch psychische Narben bleiben. Am Schluß wächst vor allem Byron über sich selbst hinaus, und man kann das Buch erleichtert, aber nachdenklich aus der Hand legen.

          Christopher Paul Curtis hat diesen Roman, seinen ersten, in einer Kunstsprache geschrieben, einer Mischung aus amerikanischem Schulslang und scharfer Beobachtungsprosa. Die Dialoge sind schnell und witzig. Sie haben etwas von der lakonischen Eleganz, die wir mit dem schwarzen Amerika verbinden. Die Aufgabe, das alles in ein glaubwürdiges Deutsch zu bringen, kann nicht immer gelingen und ist hier doch im ganzen bewältigt.

          Die Bürgerrechtskonflikte des Jahres 1963 tauchen im Roman nur indirekt auf; über diesen äußeren Handlungsrahmen setzt ein knappes, arg belehrendes Nachwort ins Bild. Wiederlesen möchte man diesen Roman dennoch.

          WILFRIED VON BREDOW

          Christopher Paul Curtis: "Die Watsons fahren nach Birmingham - 1963". Aus dem Amerikanischen von Gabriele Haefs. Carlsen Verlag, Hamburg 1996, 196 S., geb., 26,90 DM. Ab 12 J.

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